Leaving Exeter

Norman, John und ich nehmen um 11.25 Uhr den Zug nach London Waterloo. Auf der Rückfahrt lassen wir das Seminar noch einmal Revue passieren. Kurz vor 15 Uhr erreichen wir wieder London.
Schon früh am nächsten Morgen, ist für mich Aufbruch angesagt. Mit U-Bahn und Stansted Express geht es zum Flughafen. Da Ryan Air die Zeit zwischen Landung und Rückflug der Maschine scharf kalkuliert, müssen wir warten, bis alle Passagiere die Maschine verlassen haben, diese (ganz kurz) gereinigt wird, bevor wir in das Flugzeug einsteigen können. So starten wir mit Verspätung. Auch der Shuttle-Bus am Flughafen Dortmund ist nicht optimal organisiert. Bis die lange Schlange von Fahrgästen das Ticket für drei Euro beim Fahrer gelöst hat, hat sich die Abfahrt so weit verzögert, dass nicht der nächste, sondern auch der übernächste Zug von Holzwickede nach Münster abgefahren ist. So muss ich eine halbe Stunde warten, bis der nächste Zug eintrifft.
Damit endet einer meiner kürzesten Aufenthalte im Vereinigten Königreich.

Seminar „Agatha Christie: Crime, Culture, Celebritiy in Exeter“

Morgens um acht machen wir uns zu Fuß zur Universität Exeter auf. Das Seminar findet im Gebäude des Institute of Arab and Islamic Studies statt. Es ist wahrscheinlich das erste akademische Christie-Seminar in Großbritannien.

Nach der Registrierung finden sich gut gut 40 Teilnehmer im Lecture Theatre 1 ein.

Der erste Block beschäftigt sich mit „Ways of rewriting“. Im ersten Beitrag „The Lotus Murder and The Clue of the Candle Wax’: Recurrent plot devices in Agatha Christie“ beschreibt Dr. John Curran, wie kunstvoll Christie Plots variierte. Der Titel seines Vortrages leitet sich aus einem Zitat aus „Cards on the table“ ab, wo Agatha Christie ihr Alter Ego Ariadne Oliver folgendes sagen lässt:

„Women,“ said Mrs. Oliver, „are capable of infinite variation. I should never commit the same type of murder twice running.“
„Don’t you ever write the same plot twice running?“ asked Battle.
„The Lotus Murder,“ murmured Poirot. „The Clue of the Candle Wax.“
Mrs. Oliver turned on him, her eyes beaming appreciation. „That’s clever of you – that’s really very clever of you. Because of course those two are exactly the same plot, but nobody else has seen it. One is stolen papers at an informal week-end party of the Cabinet, and the other’s a murder in Borneo in a rubber planter’s bungalow.“

Dr. Serena Formica berichtet anschließend, wie David Suchet aus der Figur Poirot eine „TV celebrity“ machte und ihn zu einer echten Persönlichkeit umformte.

Zum Schluss des ersten Blocks referiert Jilly Lippmann, über Kerry Greenwood, die als Hommage an die Christie eine erfolgreiche Reihe von historischen Kriminalromanen geschrieben hat. Die Krimis, die Down under spielen,wurden ereits vom australischen Fernsehen verfilmt. Schon die Titel aus ihrer Phryne Fisher-Reihe knüpfen an Christie-Titel an: „Murder on the Ballarat Train“, „Murder in Montparnasse“ und „Dead Man’s Chest“.

Vor der Mittagspause zieht Dr. Merja Makinen einen Vergleich zwischen Virginia Wolfs „To the lighthouse“, „Giant Bread“ (Mary Westmacott) und „The Hollow“ (Christie).

Das Mittagessen ist trotz der geringen Tagungsgebühr von 30 Euro überraschend gut. Es gibt Fingerfoot und Sandwiches.

Nach der Mittagspause teilt sich aufgrund der Menge der eingesandten Beiträge die Veranstaltung in zwei parallele Panel. Ich nehme an „Crime in translation“ teil. Dr. Marjolijn Storm von der Universität Saarbrücken vergleicht drei Übersetzungen von „The mysterious affair at Styles“ ins Deutsche von 1929, 1959 und 1999. Besonders in der ersten Übersetzungen wurde viel ausgelassen, Poirots Eigenheiten werden nicht wiedergegeben, er spricht perfektes Englisch (bzw. Deutsch). Auch in der Nachkriegsübersetzung wurde gekürzt, der Text „verbessert“, der Stil verändert und der Humor gedrosselt. Die Übersetzung von 1999 besorgte Nina Schindler, die selbst Krimiautorin ist. Da Christie inzwischen als Klassikerin gilt, orientiert sich die Übersetzung stärker am Original. Allen drei Übersetzungen ist gleich, dass Poirots (bzw. Christies) Französisch stellenweise geändert wurde.

Die Mehrheit der Teilnehmer nahm unterdessen am anderen Block „Thoroughly modern Christie“ teil. Meine Christie-Freunde berichten, dass es dort lebhafter zuging. Jane Custance Baker präsentierte „Textiles in text: Clothes in Agatha Christie’s interwar detective fiction“ und brachte Tweedstoff zum Anfassen mit. Christie habe durch die Kleidung ihrer Figuren deren soziale Stellung und Charaktere veranschaulicht, lautet ihre These.

Am Beispiel von „Evil under the sun“ führt Dr. Rebecca Mills in ihrem Vortrag „Dying beside the seaside: Leisure, crime and sexuality on Christie’s beaches“, aus, dass Christie in ihren Romanen ihre Meinung zur weiblichen Sexualität zum Ausdruck gebracht habe:

Hercule Poirot said: „Ah! but that, it is not strictly true.“ He pointed downward. „Regard them there, lying out in rows. What are they? They are not men and women. There is nothing personal about them. They are just – bodies!“
Major Barry said appreciatively: „Good-looking fillies, some of ‚em. Bit on the thin side, perhaps.“
Poirot cried: „Yes, but what appeal is there? What mystery? I, I am old, of the old school. When I was young, one saw barely the ankle. The glimpse of a foamy petticoat, how alluring! The gentle swelling of the calf – a knee – a beribboned garter -“
(Evil under the sun. Chapter 1.)

Dr. Curran widerspricht dem. Die zitierte Passage diene nur dem Plot, sei ein Hinweis für die Aufklärung des späteren Mordfalls, dass nicht das Opfer Arlena tot am Strand lag, sondern die Komplizin des Mörders, um dem Mörder ein Alibi zu verschaffen.

Auch die Blöcke von 14 Uhr bis 15.30 Uhr laufen parallel. Ich bleibe im Lecture Theatre 1 sitzen und höre „Modernism & middlebrow innovation“. Zunächst berichtet Dr. Motonori Sato von den Parallelen zwischen Graham Greenes „Stamboul Train“ und Christies „Murder on the Orient Express“. Leider geht er ausführlich auf den Greenes Roman ein, auf Christies Krimi nur ganz kurz.
Es geht Dr. Vike Martina Plock mit „‚It’s like trying on the clothes. Does this fit!‘: Agatha Christie, fashion, and literary innovation“ auf die Rolle der Mode in Christies Romanen, insbesondere in der „Three act tragedy“ ein.
Den Abschluss bildet Dr Charlotte Beyer mit „‚With practised eyes‘: Reading Agatha Christie’s The Mysterious Mr Quin short stories and contemporary echoes“.

Der andere Block trägt die Überschrift „Queer Christie“. Die Vorträge kommen von Dr. Dewi Evans („Just like a book: the camp sensibility of Agatha Christie’s early thrillers“), Dr. Ahmet Atay („Queering Agatha Christie’s work: Poirot and other queer characters“), Sarah Bernstein („‚The crooked child of the crooked house’: Agatha Christie’s queer children“).

In der Kaffeepause besteht die Möglichkeit, in der Galerie die Cover zu Christie-Büchern des Künstlers Tom Adams zu betrachten, der sogar aus Cornwall angereist ist und signiert.

Nach der Pause geht es mit dem Block „Taxonomies, text, data“ weiter. Brittain Bright kategorisiert in ihrem Beitrag „‚This isn’t the sort of place you’d get a body!‘: Typology of Places in the work“ of Agatha Christie anschaulich die Schauplätze der Christie-Romane: (Land)Haus, Dorf, London/Stadt und Urlaub/Ausland. Wobei – entgegen den Erwartungen – das Dorf weniger der Schauplatz eines Christie-Romans ist, meistens wird das Dorf als Mikrokosmos in Marple-Stories verwendet. Stadt und Ausland bieten sich an, weil es dort leichter für die Christie-Figuren ist, sich für etwas auszugeben, was sie nicht sind – ohne dass das leicht nachgeprüft werden kann.

Dr Meg Boultan stellt in ihrem Beitrag „The encyclopaedic palace of the world: Miss Lemon’s filing system as a cabinet of curiosities and the repository of human knowledge“ das Ablagesystem von Poirots Sekretärin vor, dass in den ersten zwölf Jahren der TV-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ eine viel größere Rolle spielt als in den Romanen. Es gibt kaum eine Folge, in der die sorgfältig von Miss Lemon bestückten Karteikästen nicht zu sehen sind.

Dr. Michelle M. Kazmer ist extra aus Florida für ihren Vortrag „One must actually take facts as they are: Information behaviour and information value in Agatha Christie’s Miss Marple novels“ angereist und zitiert u.a. Habermas, um die Marple-Stories informations- und kommunikationswissenschaftlich zu untersuchen.

Den Abschluss des Seminars bildet Prof. Sarah Street, die in ihrem Vortrag „Autobiography and celebrity: Agatha (1978): An imaginary solution to an authentic mystery“ über die Hintergründe und Produktion des Films „Agatha“ (Deutscher Titel: „Das Geheimnis der Agatha Christie“) aufschluss- und kenntnisreich berichtet. Sie hat dazu die Korrespondenz der Produzenten ausgewertet und zu Tage gebracht, wie Dustin Hoffman, der an einer der ausführenden Firmen beteiligt war, sich nicht immer förderlich in die Produktion und sogar in den Filmschnitt einmischte. Im Gegensatz zu einigen Vorredner, die noch am Anfang ihrer wissenschaftlichen Karriere stehen und ihre „Paper“ rein abgelesen haben (manchmal in einem Tempo, dass selbst native speaker nicht mitkamen), war der Vortrag von Sarah Street leicht verständlich und gut vorgetragen.

Das Seminar klang mit einem Wein-Empfang in der Gallery aus. Zu hoffen ist, dass auch in den nächsten Jahren ähnliche Tagungen stattfinden. Wenn die Tagung eines gezeigt hat, dann, dass es Stoff für Vorträge in Christies Werk reichlich gibt.

Exploring Exeter

Nach einem guten Full English breakfast treffe ich mich mit Christie-Freund Mark S. an der Kathedrale. Gemeinsam nehmen wir an einer zweistündigen Stadtführung „Medieval Exeter“ teil. Am Nachmittag besichtige ich noch einmal die lichtdurchflutete Kathedrale mit ihren herrlichen Fenstern. Zum Abendessen im Hotel treffe ich mit zwei Christie-Bekannten.
Am Palmsonntag besuche ich den Gottesdienst in der Kathedrale.  Zu meiner Überraschung wirkt ein lebender Esel bei der Prozession mit. Als die Orgelmusik einsetzt, wird das Tier etwas nervös. Die Passionsgeschichte wird eindrucksvoll von mehreren Sprechern vorgetragen.
Anschließend schlendere ich durch die Stadt und  trinke im Hafenviertel eine Cappuccino. Mit Mark S., den ich dort treffe (wieder ein Zufall) besichtige ich das alte Zollhaus.
Mittlerweile sind fast alle Christie-Freunde, die am Seminar am nächsten Tag, teilnehmen wollen,  eingetroffen. Gemeinsam essen wir in einer Pizzeria und tauschen uns aus.

Reise nach Exeter

Da derzeit von Münster-Osnabrück kein Direktflug nach London angeboten wird, fliege ich diesmal von Dortmund ab. Am Gate von Ryan Air geht es mehr zu wie wir in einem Busbahnhof. Dazu passt, dass die Tickets vor dem Einstieg in das Flugzeug nicht eingescannt, sondern unzeremoniell abgerissen werden. Das Flugzeug ist leider voll besetzt, aber der Flug dauert auch nur gut 90 Minuten. Wir landen leicht verspätet. Es dauert ewig, bis wir endlich in Stensted die Ausweiskontrolle durchschritten haben.
Mit dem Stensted Express fahre ich bis zur Liverpool Station. Von dort bringt mich die U-Bahn bis Waterloo. Da mein Zug nach Exeter erst in drei Stunden abfährt, gebe ich meinen Koffer in der Gepäckverwahrung ab und fahre mit der Tube weiter nach Piccadilly. Kaum habe ich mich bei Garfunkles am Leicester Square an einen Tisch gesetzt, da kommt mein Freund John aus Dublin auf mich zu. Wie der Zufall es will, hat auch ihn der Weg in das Lokal geführt.
Nach einem Omelett mit Pilzen fahre ich wieder zur Waterloo Station und steige um 18.20 Uhr in den Zug nach Exeter. Der Zug ist mehr als voll, weil, ihn zahlreiche Pendler nutzen. Aber spätestens nach drei Stationen hat er sich erheblich geleert. Hinter Salisbury ist er so gut wie leer.

Um kurz vor zehn komme ich in Exeter an. Glücklicherweise ist mein Hotel, das Premier Inn, direkt gegenüber dem Bahnhof. An der Rezeption werde ich gebeten, meinen Nachnamen an einem Automaten einzutippen und schon spuckt der Automat die Keycard und die Zimmernummer aus!