Agatha, Archie und Kate Adie

Der erste Vortrag findet im Grand Hotel statt. Der Titel lautet „Agatha, Archie and The Grand Hotel“. Den ersten Vortrag hält Fiona Hallworth, Director of Heritage am Clifton College in Bristol. Clifton College ist die Privatschule, die Agatha Christies erster Ehemann Archie besuchte. Fiona Hallworth kann viel Unbekanntes über Archie berichten. 1889 wurde er in Indien geboren, wo sein Vater als Staatsbediensteter beschäftigt war. Seine Mutter stammte aus Irland. Als Archie elf Jahre alt war, starb sein Vater. Zwei Jahre später heiratete seine Mutter William Hemsley, der in Clifton College unterrichtete. Archie wohnte nicht bei seinen Eltern auf dem Schulgelände, sondern in einem Internatshaus. Fiona zeigt einige Fotografien aus dem Schularchiv. Archie war sehr sportlich, zeigte aber auch akademisches Interesse. In ihrem Vortrag porträtiert Fiona auch die Lehrer, die Archie Christie prägten. Seine Kindheit und Jugend unterscheidet sich markant von Agathas. Während er ein Internat mit seinen strengen Vorschriften besuchte, wuchs seine spätere Frau zu Hause ohne formelle Schulbildung auf. Frei konnte sie entscheiden, was sie am Tag lesen oder womit sie sich beschäftigen wollte. Dies sei für ihre spätere Kreativität enorm wichtig gewesen, schrieb Christie später. Archies Leben wäre ein gutes Thema für ein neues Buch.
Festival-Organisatorin Dr. Anna Farthing übernimmt den zweiten Part und berichtet – überwiegend aus der Autobiographie Agatha Christies – wie Archie und Agatha sich recht spontan entschlossen, am Heiligabend 1914 zu heiraten. Zunächst erschien es unmöglich, doch sie heirateten dann tatsächlich in der Emmanuel Church, in der Nähe von Archis alter Schule.
Der Geschäftsführer des Grand Hotel soll zum Abschluss über die „Agatha Christie connection“ zum Grand Hotel berichten. Bekanntlich verbrachten die Christies hier ihren kurzen Honey moon, bevor sie Agathas Familie informierten, dass sie gestern geheiratet hatten. Leider ist der Geschäftsführer völlig unvorbereitet. Auf der Website des Hotels kann man dazu mehr erfahren als in seinem Vortrag.

Nach den Vorträgen besteht die Möglichkeit, an einer Führung durch die frisch renovierte Agatha Christie Suite teilzunehmen. Ausnahmslos nehmen alle Anwesende teil und werden in drei Gruppen durch die Räume geführt. Die Suite ist sehr geschmackvoll gestaltet, aber Christie hat dort nie übernachtet. Der Gebäudeteil ist erst sehr viel später nach Christies Aufenthalt im Grand Hotel angebaut worden.

Anschließend sehen wir uns im Grand Hotel eine Ausstellung von Hobby-Künstlern, die Werke mit Christie Sujets ausstellen. Einige davon werden künftig in Australien hängen, da sie vom größten australischen Christie-Fan gekauft wurden.

Am Nachmittag steht dann Kate Adies Vortrag „Agatha Christie and the First World War“ auf meinem Programm. Kate Adie, mittlerweile 70 Jahre alt, ist eine Art britischer Scholl-Latour. Es gibt kaum einen Krisenherd auf der Welt, von dem sie nicht für die BBC berichtet hat. Ihr Vortrag verfehlt allerdings die Hälfte des Themas. Kate Adie berichtet über den Einsatz der Frauen an der Heimatfront im ersten Weltkrieg, wo sie Arbeiten übernahmen, die vorher Männern vorbehalten waren und damit die Gleichberechtigung der Frauen ein Stück auf den Weg gebracht wurde. Darüber handelt auch Adies jüngstes Buch, das sie im Anschluss an den Vortrag signiert. Agatha Christie bleibt in dem Vortrag aber nicht mehr als eine Fußnote. Außerdem ist ihre Sichtweise für meinen Geschmack zu feministisch geprägt: als hätten alle Frauen vor dem Ersten Weltkrieg nur ein freundloses Leben geführt.

Wir nutzen die Gelegenheit, nach der Ausstellung die Foto-Ausstellung „Unfinished portrait“ mit zum Teil noch nie gezeigten Fotos aus dem Christie-Archiv anzusehen. Die Ausstellung ist sehr gut und ansprechend gemacht. Eine Katalog dazu wäre eine gute Idee gewesen.

Fotos von dem Tag in meinem Fotoalbum

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