Wikinger und Weinhändler in Waterford 

Mit einem hochmodernen Regionalzug fahre ich von Dublin nach Waterford. Nicht nur mit einer „Reserviert“-Anzeige ist mein Platz gekennzeichnet, sondern mit meinem vollen Namen. Und es gibt WLAN im Zug. Daran können sich Deutsche Bahn und British Rail ein Beispiel nehmen. Pünktlich erreiche ich Waterford und mache mich zu meinem Hotel auf, das ein wenig außerhalb des Stadtzentrums liegt. Nach einer kurzen Rast mache ich mich daran, Waterford zu erkunden. 1991 war ich hier auf einer Etappe meiner Radtour von Dublin nach Cork. Nur wenig erkenne ich wieder.

Das Medieval Museum gab es bei meinem ersten Besuch in Waterford noch nicht. Ich nehme an einer Führung teil. Waterford wurde von den Wikinger gegründet und bezeichnet sich selbst als älteste Stadt Irlands. Im Mittelalter war Waterford nach Dublin die wichtigste Stadt Irlands. Der englische König sicherte mehrfach der Stadt zu, dass der Weinhandel exklusiv über den Hafen der Stadt laufen musste. Eines der wichtigsten Ausstellungstücke ist die Waterford Charter Roll. Unser eloquenter Führer bezeichnet sie als einen Vorläufer einer Powerpoint-Präsentation. Auch der Queen wurde bei ihrem Staatsbesuch 2011 in Irland die Charter gezeigt. Mit der Reformation endeten die traditionell guten Beziehungen der Stadt zur englischen Krone. Waterford blieb katholisch. Oliver Cromwell, beendete die katholische Allianz der Stadt mit Kilkenny. Erst im 18. Jahrhundert kehrte der Wohlstand in die Stadt zurück.

Am Abend esse ich in einem netten italienischen Lokal, in dem auch viele Einheimische speisen, das so abseits gelegen ist, dass ich es ohne die Hilfe von Google Maps nie gefunden hätte.

Fotos aus Waterford in meinem Fotoalbum

Ein langer Tag in Connemara

Bereits um 5.30 Uhr ist für mich die Nacht zu Ende, denn um 6.30 Uhr beginnt für mich an der Molly Malone Statue eine Tagestour nach Connemara. Unser Reiseleiter ist Darren und in seinem kleinen Bus befindet sich eine bunt gewürfelte Truppe aus aller Herren Länder. Auch morgens ist der Verkehr schon dicht, doch dank Darrens Kenntnissen von Alternativrouten schaffen wir es noch rechtzeitig zu unserer Bootstour durch den Killary Fjord. Unser nächster Stopp ist Kylemore Abbey. Den Herrensitz mit seiner tragischen Geschichte und ehemaliges Internat können wir aus Zeitgründen leider nicht besichtigen, es reicht nur für eine kurze Lunch Break, bevor wir nach Galway weiterfahren. Hier bleibt Zeit für eine Besichtigung und einen Kaffee. Ich schaue mir die moderne Kathedrale an. Um 19.30 Uhr sind wir dann zurück in Dublin.

Fotos von der Tagestour in meinem Fotoalbum

Dublin: Kathedralen, Kneipen, Collegetour, das Book of Kells und eine Krimisammlung

2008 war ich das letzte Mal in Irland und nur kurz am Anfang und am Ende der Reise in Dublin. Aber lange genug, um den Entschluss zu fassen, das nächste Mal länger in Dublin zu bleiben. Das mache ich nun wahr und fliege mit Eurowings von Düsseldorf nach Dublin. Mit dem Bus fahre ich vom Flughafen bis zur O’Connell Bridge und gehe den Liffey entlang zu meinem Hotel, dem Jury’s Inn. Von dem Hotel bin ich gleich angetan. Vor allem von seiner zentralen Lage. Am Abend treffe ich mich mit meinem Chrstie Freund Dr. John Curran.

Gleich am nächsten Morgen steht ein Besuch der Guinness-Brauerei auf meinem Programm. Ich trinke gerne das schwarze Bier mit dem cremigen Schaum. Die Ausstellung ist gut gemacht, auch wenn sie im Grunde genommen eine Reklameshow ist. Ich lerne unter anderem, dass die Harfe schon lange das Logo der Brauerei war, bevor sie die junge irische Republik als Symbol (spiegelverkehrt) übernahm. Ein Stockwerk widmet sich den Werbekampagnen der Firma. Die berühmten Zootiere und insbesondere der Tukan des Zeichners John Gilroy sind zu sehen. Aber dass Dorothy L. Sayers die Texte dazu verfasste, bleibt unerwähnt („If he can say as you can / Guinness is good for you / How grand to be a Toucan / Just think what Toucan do“). Die Tour endet im siebten Stock in der Gravity Bar – bei einem Pint Guinness. Hier hat man einen herrlichen Ausblick auf die Stadt.

Leider sind die Touren im Kilmainham-Gefängnis ausgebucht. Hier wurden die Anführer des Osteraufstandes von 1916 hingerichtet. Das Interesse ist wegen des Jahrestages natürlich enorm. Deswegen besichtige ich stattdessen die St. Patrich’s Cathedral und die Dublina. Letztere veranschaulicht das Leben im mittelalterlichen Dublin. Am Abend besuche ich die Tournee-Aufführung von „Billy Elliot – The musical“. Die Änderungen gegenüber der Originalinszenierung im Victoria Pallace Theatre überzeugen mich nicht. Vor allem stört mich, dass während der Vorstellung im Theater gegessen und getrunken werden darf. Dafür ist eigentlich genug Zeit in der Pause. Ansonsten aber eine gelungene Aufführung mit einem überzeugenden Billy (Haydn May).

An meinem zweiten Tag in Dublin steht ein Besuch von Trinity College, insbesondere der berühmten Bibliothek mit dem Book of Kells auf meinem Programm. Ein Student zeigt uns Touristen die einzelnen Gebäude des Colleges. Dann besichtige ich das Hauptpostamt und die Sonderausstellung zu „100 Jahre Osteraufstand“. Die Ausstellung ist sehr detailliert und bemüht sich um eine differenzierte Darstellung. Am Nachmittag treffe ich mich wieder mit John Curran und sehe mir sein faszinierendes Agatha-Chrstie- und Krimi-Archiv an.

Fotos aus Dublin in meinem Fotoalbum

Harrogate: Crime Festival und Old Swan Hotel 

Mittags fahre ich mit einem alten Regionalzug nach Harrogate. Die Fahrt dauert nur eine Stunde. Vom Bahnhof mache ich mich zum Old Swan Hotel auf. Dieses Hotel stand schon länger als Reiseziel auf meiner Liste, weil hier Agatha Christie 1926 unter dem Namen Teresa Neele abstieg, nachdem sie ihr Haus „Styles“ in Berkshire mitten in der Nacht ohne jemanden zu informieren verlassen hatte. Sie befand sich ein einer Lebenskrise, weil ihr Mann Archibald wegen einer anderen Frau (Nancy! Neele) sie um die Scheidung gebeten hatte. Damals hieß das Hotel noch „Swan Hydropathic Hotel“ (Harrogate war ein bekannter Kurort). Fast das ganze Land war auf der Suche nach der verschwundenen Krimiautorin. Nach zehn Tagen meldete sich ein Musiker, der im Hotel arbeitete, bei der Polizei. Er hatte Mrs. Christie erkannt. Die genauen Umstände und vor allem die Beweggründe für das Verschwinden sind bis heute Grund für Spekulationen. Für den Film „Agatha“, der 1979 in die Kinos kam, wurde hier im Hotel im Ballsaal und im Speisesaal gedreht.
Das Hotel ist komplett ausgebucht, denn das „Theakston Old Peculier Crime Writing Festival“ findet hier statt. Ich bin überrascht, dass es so viele eingefleischte Krimifans gibt – und vor allem auch so viele Autoren, deren Bücher auf dem Festival vorgestellt werden. Doch keine(r) kann meiner Meinung nach der Queen of Crime das Wasser reichen und so höre ich mir nur wenige Veranstaltungen des Festivals an.
Am Sonntag geht meine Reise zu Ende. Mit dem Zug fahre ich nach Manchester. Leider hat mein Flug am Abend weit über eine Stunde Verspätung, so dass ich in Düsseldorf lande, als der letzte Zug nach Münster schon abgefahren ist und erst am frühen Montagmorgen erreiche ich heimischen Boden.

Fotos aus Harrogate in meinem Fotoalbum

York und Castle Howard revisited

Am Vormittag fahre ich mit einem Regionalzug weiter nach York. Mit einem Taxi geht es weiter zu meiner Pension „Monkgate Guest House“. Ich habe mit der Pension eine sehr gute Wahl getroffen: sehr zentral, ein sehr geräumiges Zimmer und vor allem sehr nette Gastgeber. Gleich zu Anfang bekomme ich nützliche Tipps für meinen Aufenthalt. Nach dem Auspacken mache ich mich auf den Weg, die Stadt neu zu erkunden. Bereits zweimal war ich bereits in York, der letzte Besuch ist aber über zwanzig Jahre her. Unter anderem besichtige ich die „Merchant Adventurers’ Hall“, das Haus der Kaufmanns-Gilde. Um 18 Uhr nehme ich an einer kostenlosen Stadtführung teil. Pensionär Malcolm beginnt an den Museums Gardens, dann geht es zum King’s Manor und ein Stück auf der Stadtmauer entlang. Nach der sehr informativen Führung stärke ich mich erst mal mit einem Burger.

Am nächsten Morgen fahre ich mit dem Bus nach Castle Howard. Bereits bei meinem ersten Besuch in York hatte mich ich das Castle sehr beeindruckt. Nach 28 Jahren war es höchste Zeit für eine Wiederkehr. Ich bin angenehm überrascht, dass man im Schloss fotografieren darf. Castle Howard war Drehort für beide Verfilmungen von „Brideshead Revisited“ (1981 und 2008). Außerdem wurden Innenaufnahmen für die TV-Serie „Death Comes to Pemberley“ hier gedreht. Diesmal habe ich mehr Glück mit dem Wetter als 1988. Zwar zieht es sich zum Nachmittag hin zu, aber es bleibt im Gegensatz zu meinem ersten Besuch, bei dem es in Strömen regnete, trocken.

Am Nachmittag fahre ich zurück nach York und tauche in die Geschichte dieser mittelalterlichen Stadt ein. Bevor ich am nächsten Tag weiter nach Harrogate – meiner letzten Station auf der Reise – weiterreise, besuche ich noch das York Castle Museum. Hier wird das Leben vergangener Generationen wieder lebendig. Im Erdgeschoss ist in der „Kirkgate“ eine viktorianische Straße nachgebaut.

Fotos aus York und von Castle Howard in meinem Fotoalbum

Liverpool: auf den Spuren der Fab Four

Am Samstagvormittag fahre ich von London aus nach Liverpool. Mein Quartier, das Travel Lodge, liegt direkt an den Docks. Die Mischung aus moderner Architektur und klassizistischen Gebäuden ist beeindruckend. Das Beatles Museum zeigt anschaulich die Anfänge der „Fab Four“ als Schulband (The Quarrymen, benannt nach der Quarry Bank High School), ihre ersten Auftritte in Hamburg und in London im Cavern Club sowie den Beginn der Weltkarriere gemanagt von Brian Epstein. Eine zusätzliche Ausstellung „The British invasion“ beleuchtet den Erfolg britischer Bands und Musiker im Gefolge der Beatles in den USA.
Das Liverpool Museum zeigt ebenso anschaulich und noch dazu kostenlos die Stadtgeschichte Liverpools. Vom Aufstieg der Hafenstadt – in Liverpool wurde in der Blütezeit ein Viertel des Welthandels abgewickelt – über den Niedergang in den 1970er Jahren durch das Aufkommen des Containertransports bis zur wirtschaftlichen Erholung der Stadt.
Liverpool besitzt zwei Kathedralen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die neugotische Liverpool Cathedral entstand 1904 bis 1978, die römisch-katholische Liverpool Metropolitan Cathedral wurde 1967 eingeweiht. Ursprünglich sollte letztere Kathedrale viel größer ausfallen. Der renommierte Architekt Sir Edwin Lutyens plante die zweitgrößte Kirche mit der größten Kuppel. Doch wegen Geldmangels kam es nur zum Bau der Krypta. Mit seinem kreisrunden Grundriss folgte der moderne Kirchbau den Ideen des Zweiten Vatikanischen Konzils. „Paddy’s Wigwam“ und „The Mersey Funnel (Trichter)“ wird das Gebäude auch scherzhaft genannt.

Fotos aus Liverpool in meinem Fotoalbum

Harry und Aladdin 

Knapp neun Jahre nach dem Erscheinen des letzten Harry-Potter-Bandes ist London wieder im Potter-Fieber. Nicht nur Waterstones veranstaltet zum Erscheinen des „achten Bandes“ „Harry Potter and the cursed child“ zu Mitternacht Verkaufsaktionen. Es handelt sich eigentlich um das Skript zum gleichnamigen Theaterstück, von dem seit dem 7. Juni Previews gezeigt wurden. Die offizielle Uraufführung fand am 30. Juli 2016 im Palace-Theatre in London statt. Ein Tag später erschien das Skript in Buchform.

Für „Harry Potter and the cursed child“ hatte ich natürlich keine Karten (erst im August gelingt es mir, Karten für Juni 2017 zu ergattern), aber für „Aladdin“. „Aladdin“, das Musical zu dem gleichnamigen Disney-Zeichentrickfilm von 1992, feierte bereits am Broadway Erfolge. 2015 kam das Musical nach Hamburg und feierte am 15. Juni 2016 Premiere im Prince Edward Theatre in London. Trevor Dion Nicholas überzeugt im West End als Genie, nachdem er bereits am Broadway als Zweitbesetzung des Lampengeistes auftrat. Allerdings tritt er mit dem Song „Friends like me“ erst zum Ende des ersten Aktes auf. Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Show etwas langsam. Auch die Chemie zwischen Aladdin und Jasmine fehlt. Die Sidekicks Abu (Aladdins Affe) und Rajah (der Tiger) hat man leider für das Musical gestrichen und Jajo ist kein Papagei mehr. Warum die Schauspieler – bis auf Trevor Dion Nicholas – Briten mit aufgesetztem amerikanischen Akzent singen, erschließt sich mir nicht. Mein Eindruck von dem Musical ist eher gemischt, ich bevorzuge den Zeichentrickfilm. Wenigstens wurde für das Muscial der Song „Proud of your boy“ verwendet. Den Titel hatte Howard Ashman kurz vor seinem Tod für seine Eltern geschrieben, er wurde dann aber aus dem Soundtrack für den Zeichentrickfilm gestrichen. Im Musical findet er nun Verwendung.

Fotos aus London in meinem Fotoalbum

Ein Besuch auf Highclere Castle

Als Fan der Serie „Downton Abbey“ wollte ich unbedingt einmal das Anwesen besuchen. In Wirklichkeit heißt es Highclere Castle und liegt in Hampshire, an der Grenze zu Berkshire.

Das Castle, das sich in Privatbesitz des Lord und Lady Carnarvon befindet, kann im Sommer besichtigt werden. Entweder fährt man mit dem Auto hin oder man schließt sich einer Busreise an. Ich hatte mich für letzteres entschieden.

So stehe ich, nachdem ich die Tour bereits im Dezember gebucht hatte, am 14. Juli vor dem Blumenladen Flowers Inc. an der U-Bahn-Haltestelle Gloucester Road. Pünktlich um 9 Uhr beginnt die Tour mit „Britmovie Tours“. Unsere Tour Guides sind Dowie (walisische Form von „David“) und Stuart. Unser Busfahrer heißt Kevin. Bestimmt die Hälfte der Reisenden kommt aus den USA, wo Downton Abbey große Popularität besitzt. Dowie fragt ab, wie viele Fans unter den Teilnehmern sind und wer in den Bus „shouting and screaming“ geschleppt worden sei.

Unterwegs zu unserem ersten Halt, Bampton, sehen wir die erste Folge von Downton Abbey. Dowie weiß einiges anschließend von den Dreharbeiten zu berichten. In Bampton, in Oxfordshire, eine knappe Stunde von Highclere Castle entfernt teilen wir uns in zwei Gruppen auf, da das Dorf sehr klein ist. Der Ort diente als Kulisse von Downton Village, da die Häuser ähnlich wie in Yorkshire aussehen (wo die Handlung der Serie spielt) und trotzdem nahe bei Highclere Castle liegen.

Wir sehen uns die Kirche an, wo in der Serie geheiratet und bestattet wurde. Die Bibliothek diente für Außenaufnahme des Krankenhauses. Ein Gebäude gegenüber der Kirche ist „Crawley House“. An der Kirche auch der Platz, wo das Kriegerdenkmal in Staffel 5 erbaut wird.

Dann geht es mit dem Bus weiter zum eigentlichen Ziel Highclere Castle. Das Schloss wird individuell besichtigt. Die Raumübersicht, die Britmovie erstellt hat, ist dabei hilfreich. Dank der Einnahmen aus der Fernsehserie und den dadurch gestiegenen Besucherzahlen konnte endlich das Dach des Anwesens saniert werden. Feuchtigkeit war schon die Räume im Obergeschoss eingedrungen und diese können nicht besichtigt werden. Aber auch ohne diese gibt es genug im Castle zu sehen. Der „Saloon“ und die „Library“ wirken allerdings kleiner als im Fernsehen. Noch beeindruckender als das Haus ist der Garten, den „Capability Brown“ anlegte. Ich genieße seine Landschaftsarchitektur bei bestem Sommerwetter und verzichte dafür auf die Besichtigung des Archäologischen Museums. Der 5. Earl of Carnarvon finanzierte die Ausgrabungen von Howard Carter in Ägypten und erhielt einige der Ausgrabungsstücke. Nach seinem plötzlichen Tod wurden sie an das Metropolitian Museum of Art verkauft, einige eher „unbedeutende Teile“ (Howard Carter) blieben aber in Highclere und wurden 1987 dort wieder entdeckt. Seitdem gibt es dort eine ägyptische Sammlung zu sehen.

Am Nachmittag geht es dann zurück nach London. Eine unterhaltsame und empfehlenswerte Tour!

Die Fotos von Highclere Castle in meinem Fotoalbum

Bodies from the Library 

Durch den Erfolg der ersten „Bodies from the Library“ Conference 2015 waren die Veranstalter motiviert genug, 2016 eine zweite Konferenz über das „Golden Age of detective fiction“ folgen zu lassen. Und auch die British Library fungierte gerne wieder als Tagungsort.

Bereits am Vortrag reise ich nach London. Mit-Organisator Norman ist freundlicherweise wieder mein Gastgeber. Nach der Registrierung und den traditionellen Begrüßung durch Simon Brett unterhält sich im ersten Vortrag Martin Edwards, Präsident des traditionsreichen Detection Clubs, mit anderen Mitgliedern über den Club und seine jüngste Veröffentlichung „The sinking admiral“. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger „The floating Admiral“, zu dem Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und andere jeweils ein Kapitel verfasst hatten, ist das neue Buch ein gemeinschaftliches Werk der Mitglieder, editiert von Martin Edwards.

Tony Medear berichtet gewohnt souverän und kenntnisreich über den Autor Anthony Berkeley. Vor der Kaffeepause referiert Jennifer Morag Henderson über die mir bislang unbekannte schottische Kriminalschriftstellerin und Theaterautorin Josephine Tey, über die sie ein Buch verfasst hat.

Nach der Kaffeepause startet ein neuer Programmpunkt. Susan Moody und L. C. Tyler begründen jeweils, warum Georgette Heyer beziehungsweise Philip MacDonald es verdient gehabt hätten, in den Detection Club aufgenommen zu werden. Dann darf das Publikum durch Hochhalten des Fotos entscheiden, wer aufgenommen werden soll. Hier kann sich Heyer mit einigem Abstand durchsetzen.

Als letzter Vortrag vor der Lunch Break führen Rob Davies, der Herausgeber der Golden Age Serie bei der British Library und Martin Edwards ein Gespräch über die Reihe.

Leider hat das Café im Hof der Britisch Library offenbar nicht mit dem Andrang zur Mittagspause gerechnet. Als ich endlich dran bin, sind alle Sandwiches verkauft und es gibt nur noch Cakes.

Der Vortrag nach der Mittagspause über das Theater im Werk der neuseeländischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Theaterregisseurin Ngaio Marsh enttäuscht mich etwas. Die Referentin, Stella Duffy, frisch gebackene Empfängerin eines OBE und selber Schriftstellerin und Theaterschaffende, konzentriert sich mehr auf die Sprache im Werk von Marsh.

John Curran illustriert im Anschluss Veröffentlichungen von Collins Crime Club. Er arbeitet gerade an einem Buch darüber.

Etwas dröge der folgende Beitrag von Barry Pike über H. C. Bailey. Der einzige Vortrag ohne Folien.

Bei typisch-englischem Kaffee und leider ohne die leckeren Kekse aus dem Vorjahr kommt man in der Pause ins Gespräch. Die bevorstehende Abstimmung über den Brexit ist natürlich ein wichtiges Thema.

Gewohnt kurzweilig, aber informativ, referiert Dolores Gordon-Smith nach der Coffee Break über G. K. Chesterton, dem Schöpfer von „Father Brown“.

Den Abschluss der Veranstaltung bietet eine Podiumsdiskussion über Verfilmungen von Romanen der Golden Age Epoche. Über die Hälfte der genannten Filme basieren auf Romanen von Agatha Christie. John Curran nennt als schlechteste Umsetzung die kürzlich neu verfilmte Reihe „Partners in Crime“. (Inzwischen hat übrigens eine andere Umsetzung „Partners in Crime“ vom Negativ-Spitzenplatz verdrängt.)

Das positive Feedback ermutigt die Veranstalter auch 2017 eine Konferenz „Bodies from the Library“ durchzuführen.

Die Fotos der Konferenz finden Sie in meinem Fotoalbum.

Billy Elliot Tour

Seit vergangenem Jahr bin ich großer Fan von „Billy Elliot – The Musical“. Das Musical läuft zwar schon seit 2005 in London, aber erst im letzten Jahr habe ich es geschafft, mir die Show anzusehen. Zwei weitere Shows sah ich mir bei meinen Aufenthalten 2015 in London an – alle mit unterschiedlichen Billy-Darstellern.
Als dann Ende des letzten Jahres bekanntgegeben wurde, dass „Billy Elliot – the Musical“ am 09. April 2016 zum letzten Mal im Victoria Palace Theatre aufgeführt wird, weil das Theater renovierungsbedürftig ist, war das eine Enttäuschung. Aber „jetzt erst recht“ sagte ich mir und buchte einen Flug nach London für die letzte Woche von „Billy Elliot“ in London.

Brodie bei seiner "Last night"
Brodie bei seiner „Last night“

Am 05. April war es dann soweit. Diesmal flog ich, weil die Verbindung Münster/Osnabrück leider letzten November eingestellt wurde, von Dortmund aus nach London Stansted. Der Flug verlief reibungslos und am Abend saß ich schon im Victoria Palace Theatre zur „last night“ von Brodie Donougher. Brodie, aus Blackpool, ist als Billy Nr. 39 (der Aufführung im West End) der Dienstälteste der derzeit aktiven Billies. Im November 2014 hatte der 13-Jährige sein Debut im Victoria Palace Theatre. Dass er begeisterter Turner und Balletttänzer ist, sieht man heute Abend wieder. Die Rolle des Dads spielte an diesem Abend Davids Bardsley, der schon seit dem Workshops zu Billy Elliot im Jahre 2005 dabei war. Damals, erzählte er am Ende der Aufführung, die seine letzte in „Billy Elliot“ ist, war seine Frau mit seiner Tochter schwanger, die jetzt selber als eine der Ballet Girls mitwirkt.

Charles Dickens Museum
Charles Dickens Museum

Am nächsten Tag besuche ich zunächst das Charles Dickens Museum. Florian Schweizer, der damalige Direktor des Museum, hatte 2012 einen Vortrag über die 200-Jahrfeier für die Deutsch-Britische Gesellschaft gehalten, der mich auf das Museum aufmerksam gemacht hatte. Dickens hat in dem Haus in der Doughty Street No. 48, das heute Museum ist, zwar nur kurz gelebt (1837 – 1839), aber es ist dennoch bedeutend für die Biographie des Schriftstellers. Das kleine Reihenhaus war das erste eigene Hause Dickens, nachdem er vorher möbliert gewohnte hatte. Hier entstanden einige seiner wichtigen Werke: hier schloss er „The Pickwick Papers“ (1836) ab, schrieb „Oliver Twist“ (1838) und „Nicholas Nickleby“ (1839). Die wenigsten Möbel stammen aus dem Haus, zum Teil kommen sie aus anderen Häusern, die Dickens später bewohnte oder sind denen nachempfunden, wie sie auf damaligen Inventarlisten stehen. Die Texte auf dem Audioguide sind von der Länge genau richtig und vermitteln einen guten Einblick, wie die Dickens damals in dem Haus lebten und geben einen Überblick über das Leben und Werk des berühmten Autoren. Als er in dem Haus lebte, war das Eheleben noch harmonisch. Kurz nach dem Auszug änderte sich das Verhältnis von Dickens zu seiner Frau dramatisch. Es folgte eine – für die damalige Zeit ungewöhnlich – offiziell verkündete Trennung in einem Offenen Brief. Auch von Dickens schwieriger Kindheit in ärmlichen Verhältnissen und von seinem Engagement für das Copyright erfährt man.

Nat bei seiner "Last night"
Nat bei seiner „Last night“

Am Abend hat Nat Sweeney seine offizielle Last Night. Von allen Billy-Darstellern (Nummer 41 in der Zählung) wollte ich ihn am meisten sehen, denn ich hatte unterschiedliche Meinungen über ihn gehört. Alle waren sich darin einig, dass er ein exzellenter Tänzer ist. Seine schauspielerischen Leistungen dagegen wurden unterschiedlich bewertet. Ohne jeden Zweifel ist Nat als Tänzer ein Riesentalent: die Geschwindigkeit, die Perfektion seiner Bewegungen sind unglaublich. Wenn man die Biographie des 13-Jährigen kennt, der zusammen mit seinem Zwillingsbruder als Kleinkind an Leukämie erkrankt war, erscheint es wie ein Wunder, dass der junge Mann als einer der besten Billies aller Zeiten im West End auftritt. Auch wie er die Rolle des Billy anlegt (mehr als pubertierender Teenager) und seine Stimme gefallen mir. Es gibt lange stehende Ovationen für „Angry Dance“, „Dream Ballet“ und natürlich „Electricity“ – sein Markenzeichen. Man merkt ihm die Begeisterung an, vor Publikum zu tanzen und wie er sich über den Beifall freut. Dabei begann die Vorstellung mit einer kleinen Panne: Michael-Darsteller Bradley Mayfield fiel in der Eröffnungsszene vom Rad, besser gesagt, das Rad glitt unter ihm weg. Keiner hatte mehr Spaß daran als Bradley selbst! Man konnte deutlich sehen, wie er es anderen Kindern in der Cast erzählte, während alle in der Handlung auf die Verkündung des Streiks warten.

Euan bei seiner "Last night"
Euan bei seiner „Last night“

Am darauf folgenden Tag hat Euan Garrett seinen großen Abend. Euan kam erst im November letzten Jahres als Billy Nummer 42 zur Show. Euan ist der erste Junge aus Schottland (Dunbar), der die Rolle des Billy im West End spielt. Es ist wirklich schade, dass er die Rolle nur wenige Monate ausfüllen konnte. Deutlich kleiner als die drei anderen Billies wirkt er als Billy kindlicher, aber als Tänzer ist er ein wahres Energiebündel. Die Verantwortlichen hinter den Kulissen haben bei der Auswahl der jugendlichen Darsteller offenbar immer ein glückliche Hand. Die Letter Szene gerät sehr emotional: Euan verdrückt echte Tränen. Vielleicht, weil es für ihn der Abschied von „Billy Elliot“ ist? Ein großes Highlight auch Nathan Jones als Billys bester Freund Michael. Er holt noch mehr aus der Rolle heraus als ich es bei anderen Billy-Darstellern gesehen habe. Der junge Mann hat ein unglaubliches schauspielerisches Talent!

The Crime Museum uncovered
The Crime Museum uncovered

Zuvor besuchte ich am Vormittag im Museum of London die Sonderausstellung „Crime Museum uncovered“. Das Crime Museum – auch „Black Museum“ genannt – entstand ab 1874, als ein Inspektor der Metropolitan Police damit begann, Asservaten und Gegenstände von verurteilten Verbrechern zu sammeln. Die Ausstellung hatte den Zweck, angehende Polizisten über Waffen und Methoden der Kriminellen zu unterrichten. Die Sammlung ist normalerweise nicht öffentlich zugänglich. Das erste Mal werden nun ausgewählte Exponate einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Interesse ist groß, es herrscht eine ziemlich drangvolle Enge. Im ersten Teil sind Objekte bekannter Verbrechen aus überwiegend viktorianischer Zeit zu sehen. Im zweiten Teil werden spektakuläre Verbrechen der letzten 150 Jahre, wer sie verübte, gegebenenfalls auch fälschlich Verdächtige sowie die Hintergründe, die zur Aufklärung der Verbrechen führten – mit den entsprechenden Beweismitteln – aufgeführt. Einige wenige Taten sind bis heute nicht aufgeklärt. Das Wort „spannend“ wird heute stark überstrapaziert. Aber hier trifft es zu: eine spannende und faszinierende Ausstellung!

Thomas bei seiner "Last night"
Thomas bei seiner „Last night“

Am Freitag hat schließlich Thomas Hazelby seine letzte Nacht. Thomas hatte März 2015 als 39. Billy mit gerade einmal zehn Jahren sein Debüt – der jüngste Billy-Darsteller nach Elliott Hanna. Er stammt aus Doncaster in Süd-Yorkshire, wo seine Mutter eine Balletschule (Haezelbiz) betreibt. Thomas – auch ein sehr guter Balletttänzer – legt die Rolle frech/verschmitzt an. Einen unfreiwillig komischen Moment gibt es bei „Shine“, als der Schuh eines der Mädchen im Ballett mitten durch das Publikum fliegt. Ruthie Henshall (Mrs. Wilkinson) bekommt sich kaum vor Lachen ein.

Und dann kommt am Samstag die letzte Aufführung von „Billy Elliot – the Musical“ im Victoria Palace Theatre. Es ist schon unglaublich voll, als ich gut eine dreiviertel Stunde vor der Show am Theater eintreffe. Diesmal sitze ich oben im „Dress Circle“, habe aber einen guten Blick und relative Beinfreiheit. Es ist eine „Tag Team Show“, was bedeutet, dass nicht ein Billy, sondern alle vier „amtierenden“ Darsteller, alle drei Michael-Darsteller und alle drei „Debbies“ und alle Tall und Small Boys auftreten – manchmal sogar gleichzeitig, was zu ganz ungewohnten und witzigen Effekten führt.

Mit leichter Verzögerung beginnt die Show. Das Theater ist bis auf den letzten Platz besetzt. Zunächst erscheint Liam Mower, Billy Nummer eins auf der Bühne. Mit ihm, James Lomas und George Maguire begann 2005 alles. Die drei haben damals Musical-Geschichte geschrieben. Mower sang auch die CD-Veröffentlichung 2005 ein, bis auf „Angry Dance“ wo George Maguires Stimme zu hören ist. Liam zählt ein paar Statistiken auf: 42 Billies, 26 Michaels, 22 Debbies standen auf der Bühne – insgesamt über 500 Kinder. Nach Liam spricht Regisseur Stephen Daldry ein paar Worte, gefolgt vom Sprecher des East Durham Trust, zu dessen Gunsten der Erlös des Abends geht und für den im Laufe der Woche gesammelt wurde.

Thomas Hazelby tritt als erster Billy bei „The stars look down“ auf. Erster Michaael ist Ben Robinson. Abgelöst wird er von Brodie in der nächsten Szene. In der Szene im Boxclub mühen sich nicht Tall Boy und Small Boy ab, sondern alle drei Tall und Small Boys. „J-e-s-u-s“ stöhnen alle drei Small Boys während ihrer Liegestützen. Nat darf sich als Billy Nummer drei anhören, wie Großmutter von ihrer Jugend erzählt. Euan hat dann seinen Auftritt während „Solidarity“, bevor er mittendrin von Thomas abgelöst wird. Schließlich stehen alle vier Billy-Darsteller auf der Bühne. Euan und Ben (als Michael) treten zunächst in „Expressing yourself“ auf, bevor diesmal zum Ende der Nummer alle drei Michael-Darsteller auf der Bühne stehen. Euan darf anschließend „The Letter“ singen. Bei „Born to Boogie“ hat Brodie noch einmal die Ehre, sein Kunst beim Seilspringen unter Beweis zu stellen. Vor „Angry Dance“ wird Brodie von Nat abgelöst, doch nur für eine Weile (Dads Bemerkung „Ich weiß gar nicht, was heute mit dir los ist!“ ergibt heute einen ganz anderen Sinn). Schließlich stehen zum Ende des ersten Aktes alle vier Billy-Dasteller auf der Bühne.

Während der Pause ist es auf den Gängen im Theater unglaublich voll. So begebe ich mich schnell wieder auf meinen Platz. In der „Winter Szene“ spielt zunächst Brodie die Rolle des Billys, bevor Thomas für das „Dream Ballet“ übernimmt und ein letztes Mal im Victoria Palace Theatre unter der Decke schwebt. Es ist auch Thomas, der Billy während der „Audition“ spielt. Seine freche Art, wie er zunächst das Einmach-Glas mit dem Geld für das Vortanzen dem Auswahl-Komitee auf den Tisch stellt und dann in aller Seelenruhe mit einem Bleistift wieder das Band auf der Kassette mit der Musik für seine Tanznummer aufwickelt (ein Problem, das die heutige Jugend gar nicht mehr kennt), ist immer wieder amüsant. Thomas knallt auch den Kopf von „Posh Boy“ gegen die Wand. Die Strafe dafür muss dann aber Nat ausbaden, was bedeutet, dass er bei „Electricity“ tanzt und dabei sein außergewöhnliches Talent unter Beweis stellt.

Auf Facebook heißt es später dazu „Die Aufführung war einmalig. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass Nat die Show mit seiner Electricity gestohlen hat. Mir fiel die Kinnlade herunter.“ „Ich habe Electricity nie besser gesehen. Niemals.“ „Ich traute meinen Augen nicht.“ „Nats Electricity war die beste, die ich in meinem Leben gesehen habe. Der Aufbau, die Leidenschaft, das Tanzen .. Ja das UNGLAUBLICHE Tanzen. Nats Ballet- und akrobatische Künste sind nicht von dieser Welt. […] Nat Sweeney ist ein absoluter Superstar. […] Die Technik, die Geschwindigkeit, die Kraft. Wow.“

Für sein phänomenales „Electricity“ erhält Nat minutenlange stehende Ovationen und Beifallsstürme. Als sie endlich verklingen, geht ein breites Grinsen über sein Gesicht, was eigentlich zu der Rolle in dem Augenblick nicht gehört. Aber wer wollte es ihm verdenken, wenn das ganze Theater vom Parkett bis zum letzten Rang stehend applaudiert? Und Deka Walmsley als Dad ruft diesmal besonders laut und stolz: „Wow – wow! My son!“.

Als der Brief von der Royal Ballet School eintrifft, stehen Euan und Nat auf der Bühne. Wenn Euan „Billy Elliot is queer“ liest, zeigt Nat auf Euan mit einem Grinsen, das sagen soll „Sieh mal zu wie du aus der Nummer wieder rauskommst“ und verlässt die Bühne. Euan setzt sich in seinem Zimmer auf sein Bett. Das Zimmer fährt hoch – und auf der Treppe stehen Brodie, Thomas und Nat – alle vier Billies lesen den Brief. Der Brief beinhaltet eine gute Nachricht: Billy wurde an der Ballett-Schule aufgenommen (auch wenn Billy zunächst behauptet, er sei abgelehnt worden). Die Nachricht wird aber kurz darauf überschattet, als bekannt wird, dass der Streik zusammengebrochen ist. Billys Bruder Tony (Matthew Seadon-Young) baut in seinen Text einen aktuellen Bezug ein: „When you come back here Billy, everyone you know will be unemployed. In this village, in the next village, in the village after that and the village after that. All the way to Port Talbot.“ (In dem Stahlwerk dort in Wales kriselt es derzeit). Und aus „We can’t all be fucking dancers“ wird „we can’t all be bloody Billy Elliot“.

In der folgenden Szene, in der sich Billy von seiner Mentorin der Ballettlehrerin Mrs. Wilkinson verabschiedet, stehen wieder alle vier Billies auf der Bühne. Ruthie Henshalls (Mrs. Wilkinson) gerät sehr persönlich: „You, Nat…“, „You, Brodie…“, „You, Thomas…“, „And you, Euan… You are very fucking special. Now piss off before I start to cry! And Billy… Good luck.“

Als dann Billy (bzw. Brodie) mit seinem Dad seinen Koffer packt, marschiert wie angekündigt die Bergmannskapelle aus Easington ein und spielt mit dem Orchester „Once we were kings“ und verleihen dem Stück noch mehr Authentizität. Danach spielen sie noch ein Stück aus „Abide with me“.

Nachdem Billy die Bühne verlassen hat und Michael mit seinem Fahrrad auf die Bühne fährt und ihm nachruft „Oi, dancing boy!“, verabschieden sich beide – wie es früher bei einer Last Night üblich war – mit ihren echten Namen“: „See ya, Nathan“, worauf Michael/Nathan traurig antwortet: „yeah, see ya, Brodie“.

Elton  John mit den vier Billies: Euan, Nat, Thomas und Brodie
Elton John mit den vier Billies: Euan, Nat, Thomas und Brodie

Normalerweise folgt – nachdem der Vorhang gefallen ist – das Finale: „Billy“ läuft wieder auf die Bühne und er und die anderen Darsteller nehmen den wohlverdienten Applaus entgegen. Heute Abend aber steht nur ein einziger Mann auf der Bühne, als sich der Vorhang wieder öffnet: Sir Elton John. Nach einer stehenden Ovation für den Komponisten des Musicals stellen sich die vier Billy-Darsteller des Abends zu ihm und dann folgte das Finale. Zum Abschluss stehen (fast) alle Billy-Darsteller der letzten elf Jahre wieder vereint auf der Bühne. Insider zählen später 33 der 42 Billy-Darsteller als am Abend anwesend. Für viele war „Billy“ der erste Schritt einer großen Karriere: Tom Holland (Billy Nr. 17) ist heute Spiderman. Und Dean-Charles Chapman (Billy Nr. 21) ist besonders eng mit dem Stück verbunden. In der Originalbesetzung war er der „Small Boy“, 2008 kehrte er in der Rolle des „Michael“ zurück und nach weiterem Training stand er von 2009 bis 2011 in der Titelrolle auf der Bühne. Nach Ann Emery (als Großmutter) war er insgesamt am zweitlängsten bei „Billy Elliot“. Heute sitzt er als König Tommen auf dem Eisernen Thron in „Game of Thrones“.

Damit geht eine grandiose letzte Aufführung von „Billy Elliot“ im Vicotria Palace Theatre zu Ende. Viele sind auch ein wenig traurig, dass es erst einmal keine weiteren Aufführungen in London gibt. Viele verbinden eine spezielle Geschichte mit dem Musical. Meine Sitznachbarin, die mit ihrem Sohn da ist, war auch bei der ersten Aufführung 2005 im Theater. Und als ihr Sohn aus Afghanistan zurückkehrte, war „Billy Elliot“ das erste Stück, was die beiden sich ansahen.

Doch das Musical ist nicht am Ende: derzeit ist es Tournee durch Großbritannien und Irland und wird an verschiedensten Ort der Welt aufgeführt: von Skandinavien, Israel, Süd-Korea, Japan bis in Neuseeland. Und wer möchte, kann sich einen Live-Mitschnitt auf DVD oder BluRay anschauen: mit einem exzellenten Elliott Hanna in der Titelrolle. Ihn treffe ich nach dem Herausgehen vor dem Theater und ich lasse es mir nicht entgehen, mein Programm von ihm signieren zu lassen.

Der Rückflug am nächsten Sonntag verläuft so unspektakulär wie der Hirnflug. An späten Nachmittag treffe ich – mit vielen Eindrücken – wieder zu Hause ein.

Noch mehr Fotos gibt es in meinem Fotoalbum.