Bodies from the Library 

Durch den Erfolg der ersten „Bodies from the Library“ Conference 2015 waren die Veranstalter motiviert genug, 2016 eine zweite Konferenz über das „Golden Age of detective fiction“ folgen zu lassen. Und auch die British Library fungierte gerne wieder als Tagungsort.

Bereits am Vortrag reise ich nach London. Mit-Organisator Norman ist freundlicherweise wieder mein Gastgeber. Nach der Registrierung und den traditionellen Begrüßung durch Simon Brett unterhält sich im ersten Vortrag Martin Edwards, Präsident des traditionsreichen Detection Clubs, mit anderen Mitgliedern über den Club und seine jüngste Veröffentlichung „The sinking admiral“. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger „The floating Admiral“, zu dem Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und andere jeweils ein Kapitel verfasst hatten, ist das neue Buch ein gemeinschaftliches Werk der Mitglieder, editiert von Martin Edwards.

Tony Medear berichtet gewohnt souverän und kenntnisreich über den Autor Anthony Berkeley. Vor der Kaffeepause referiert Jennifer Morag Henderson über die mir bislang unbekannte schottische Kriminalschriftstellerin und Theaterautorin Josephine Tey, über die sie ein Buch verfasst hat.

Nach der Kaffeepause startet ein neuer Programmpunkt. Susan Moody und L. C. Tyler begründen jeweils, warum Georgette Heyer beziehungsweise Philip MacDonald es verdient gehabt hätten, in den Detection Club aufgenommen zu werden. Dann darf das Publikum durch Hochhalten des Fotos entscheiden, wer aufgenommen werden soll. Hier kann sich Heyer mit einigem Abstand durchsetzen.

Als letzter Vortrag vor der Lunch Break führen Rob Davies, der Herausgeber der Golden Age Serie bei der British Library und Martin Edwards ein Gespräch über die Reihe.

Leider hat das Café im Hof der Britisch Library offenbar nicht mit dem Andrang zur Mittagspause gerechnet. Als ich endlich dran bin, sind alle Sandwiches verkauft und es gibt nur noch Cakes.

Der Vortrag nach der Mittagspause über das Theater im Werk der neuseeländischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Theaterregisseurin Ngaio Marsh enttäuscht mich etwas. Die Referentin, Stella Duffy, frisch gebackene Empfängerin eines OBE und selber Schriftstellerin und Theaterschaffende, konzentriert sich mehr auf die Sprache im Werk von Marsh.

John Curran illustriert im Anschluss Veröffentlichungen von Collins Crime Club. Er arbeitet gerade an einem Buch darüber.

Etwas dröge der folgende Beitrag von Barry Pike über H. C. Bailey. Der einzige Vortrag ohne Folien.

Bei typisch-englischem Kaffee und leider ohne die leckeren Kekse aus dem Vorjahr kommt man in der Pause ins Gespräch. Die bevorstehende Abstimmung über den Brexit ist natürlich ein wichtiges Thema.

Gewohnt kurzweilig, aber informativ, referiert Dolores Gordon-Smith nach der Coffee Break über G. K. Chesterton, dem Schöpfer von „Father Brown“.

Den Abschluss der Veranstaltung bietet eine Podiumsdiskussion über Verfilmungen von Romanen der Golden Age Epoche. Über die Hälfte der genannten Filme basieren auf Romanen von Agatha Christie. John Curran nennt als schlechteste Umsetzung die kürzlich neu verfilmte Reihe „Partners in Crime“. (Inzwischen hat übrigens eine andere Umsetzung „Partners in Crime“ vom Negativ-Spitzenplatz verdrängt.)

Das positive Feedback ermutigt die Veranstalter auch 2017 eine Konferenz „Bodies from the Library“ durchzuführen.

Die Fotos der Konferenz finden Sie in meinem Fotoalbum.

Billy Elliot Tour

Seit vergangenem Jahr bin ich großer Fan von „Billy Elliot – The Musical“. Das Musical läuft zwar schon seit 2005 in London, aber erst im letzten Jahr habe ich es geschafft, mir die Show anzusehen. Zwei weitere Shows sah ich mir bei meinen Aufenthalten 2015 in London an – alle mit unterschiedlichen Billy-Darstellern.
Als dann Ende des letzten Jahres bekanntgegeben wurde, dass „Billy Elliot – the Musical“ am 09. April 2016 zum letzten Mal im Victoria Palace Theatre aufgeführt wird, weil das Theater renovierungsbedürftig ist, war das eine Enttäuschung. Aber „jetzt erst recht“ sagte ich mir und buchte einen Flug nach London für die letzte Woche von „Billy Elliot“ in London.

Brodie bei seiner "Last night"
Brodie bei seiner „Last night“

Am 05. April war es dann soweit. Diesmal flog ich, weil die Verbindung Münster/Osnabrück leider letzten November eingestellt wurde, von Dortmund aus nach London Stansted. Der Flug verlief reibungslos und am Abend saß ich schon im Victoria Palace Theatre zur „last night“ von Brodie Donougher. Brodie, aus Blackpool, ist als Billy Nr. 39 (der Aufführung im West End) der Dienstälteste der derzeit aktiven Billies. Im November 2014 hatte der 13-Jährige sein Debut im Victoria Palace Theatre. Dass er begeisterter Turner und Balletttänzer ist, sieht man heute Abend wieder. Die Rolle des Dads spielte an diesem Abend Davids Bardsley, der schon seit dem Workshops zu Billy Elliot im Jahre 2005 dabei war. Damals, erzählte er am Ende der Aufführung, die seine letzte in „Billy Elliot“ ist, war seine Frau mit seiner Tochter schwanger, die jetzt selber als eine der Ballet Girls mitwirkt.

Charles Dickens Museum
Charles Dickens Museum

Am nächsten Tag besuche ich zunächst das Charles Dickens Museum. Florian Schweizer, der damalige Direktor des Museum, hatte 2012 einen Vortrag über die 200-Jahrfeier für die Deutsch-Britische Gesellschaft gehalten, der mich auf das Museum aufmerksam gemacht hatte. Dickens hat in dem Haus in der Doughty Street No. 48, das heute Museum ist, zwar nur kurz gelebt (1837 – 1839), aber es ist dennoch bedeutend für die Biographie des Schriftstellers. Das kleine Reihenhaus war das erste eigene Hause Dickens, nachdem er vorher möbliert gewohnte hatte. Hier entstanden einige seiner wichtigen Werke: hier schloss er „The Pickwick Papers“ (1836) ab, schrieb „Oliver Twist“ (1838) und „Nicholas Nickleby“ (1839). Die wenigsten Möbel stammen aus dem Haus, zum Teil kommen sie aus anderen Häusern, die Dickens später bewohnte oder sind denen nachempfunden, wie sie auf damaligen Inventarlisten stehen. Die Texte auf dem Audioguide sind von der Länge genau richtig und vermitteln einen guten Einblick, wie die Dickens damals in dem Haus lebten und geben einen Überblick über das Leben und Werk des berühmten Autoren. Als er in dem Haus lebte, war das Eheleben noch harmonisch. Kurz nach dem Auszug änderte sich das Verhältnis von Dickens zu seiner Frau dramatisch. Es folgte eine – für die damalige Zeit ungewöhnlich – offiziell verkündete Trennung in einem Offenen Brief. Auch von Dickens schwieriger Kindheit in ärmlichen Verhältnissen und von seinem Engagement für das Copyright erfährt man.

Nat bei seiner "Last night"
Nat bei seiner „Last night“

Am Abend hat Nat Sweeney seine offizielle Last Night. Von allen Billy-Darstellern (Nummer 41 in der Zählung) wollte ich ihn am meisten sehen, denn ich hatte unterschiedliche Meinungen über ihn gehört. Alle waren sich darin einig, dass er ein exzellenter Tänzer ist. Seine schauspielerischen Leistungen dagegen wurden unterschiedlich bewertet. Ohne jeden Zweifel ist Nat als Tänzer ein Riesentalent: die Geschwindigkeit, die Perfektion seiner Bewegungen sind unglaublich. Wenn man die Biographie des 13-Jährigen kennt, der zusammen mit seinem Zwillingsbruder als Kleinkind an Leukämie erkrankt war, erscheint es wie ein Wunder, dass der junge Mann als einer der besten Billies aller Zeiten im West End auftritt. Auch wie er die Rolle des Billy anlegt (mehr als pubertierender Teenager) und seine Stimme gefallen mir. Es gibt lange stehende Ovationen für „Angry Dance“, „Dream Ballet“ und natürlich „Electricity“ – sein Markenzeichen. Man merkt ihm die Begeisterung an, vor Publikum zu tanzen und wie er sich über den Beifall freut. Dabei begann die Vorstellung mit einer kleinen Panne: Michael-Darsteller Bradley Mayfield fiel in der Eröffnungsszene vom Rad, besser gesagt, das Rad glitt unter ihm weg. Keiner hatte mehr Spaß daran als Bradley selbst! Man konnte deutlich sehen, wie er es anderen Kindern in der Cast erzählte, während alle in der Handlung auf die Verkündung des Streiks warten.

Euan bei seiner "Last night"
Euan bei seiner „Last night“

Am darauf folgenden Tag hat Euan Garrett seinen großen Abend. Euan kam erst im November letzten Jahres als Billy Nummer 42 zur Show. Euan ist der erste Junge aus Schottland (Dunbar), der die Rolle des Billy im West End spielt. Es ist wirklich schade, dass er die Rolle nur wenige Monate ausfüllen konnte. Deutlich kleiner als die drei anderen Billies wirkt er als Billy kindlicher, aber als Tänzer ist er ein wahres Energiebündel. Die Verantwortlichen hinter den Kulissen haben bei der Auswahl der jugendlichen Darsteller offenbar immer ein glückliche Hand. Die Letter Szene gerät sehr emotional: Euan verdrückt echte Tränen. Vielleicht, weil es für ihn der Abschied von „Billy Elliot“ ist? Ein großes Highlight auch Nathan Jones als Billys bester Freund Michael. Er holt noch mehr aus der Rolle heraus als ich es bei anderen Billy-Darstellern gesehen habe. Der junge Mann hat ein unglaubliches schauspielerisches Talent!

The Crime Museum uncovered
The Crime Museum uncovered

Zuvor besuchte ich am Vormittag im Museum of London die Sonderausstellung „Crime Museum uncovered“. Das Crime Museum – auch „Black Museum“ genannt – entstand ab 1874, als ein Inspektor der Metropolitan Police damit begann, Asservaten und Gegenstände von verurteilten Verbrechern zu sammeln. Die Ausstellung hatte den Zweck, angehende Polizisten über Waffen und Methoden der Kriminellen zu unterrichten. Die Sammlung ist normalerweise nicht öffentlich zugänglich. Das erste Mal werden nun ausgewählte Exponate einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Interesse ist groß, es herrscht eine ziemlich drangvolle Enge. Im ersten Teil sind Objekte bekannter Verbrechen aus überwiegend viktorianischer Zeit zu sehen. Im zweiten Teil werden spektakuläre Verbrechen der letzten 150 Jahre, wer sie verübte, gegebenenfalls auch fälschlich Verdächtige sowie die Hintergründe, die zur Aufklärung der Verbrechen führten – mit den entsprechenden Beweismitteln – aufgeführt. Einige wenige Taten sind bis heute nicht aufgeklärt. Das Wort „spannend“ wird heute stark überstrapaziert. Aber hier trifft es zu: eine spannende und faszinierende Ausstellung!

Thomas bei seiner "Last night"
Thomas bei seiner „Last night“

Am Freitag hat schließlich Thomas Hazelby seine letzte Nacht. Thomas hatte März 2015 als 39. Billy mit gerade einmal zehn Jahren sein Debüt – der jüngste Billy-Darsteller nach Elliott Hanna. Er stammt aus Doncaster in Süd-Yorkshire, wo seine Mutter eine Balletschule (Haezelbiz) betreibt. Thomas – auch ein sehr guter Balletttänzer – legt die Rolle frech/verschmitzt an. Einen unfreiwillig komischen Moment gibt es bei „Shine“, als der Schuh eines der Mädchen im Ballett mitten durch das Publikum fliegt. Ruthie Henshall (Mrs. Wilkinson) bekommt sich kaum vor Lachen ein.

Und dann kommt am Samstag die letzte Aufführung von „Billy Elliot – the Musical“ im Victoria Palace Theatre. Es ist schon unglaublich voll, als ich gut eine dreiviertel Stunde vor der Show am Theater eintreffe. Diesmal sitze ich oben im „Dress Circle“, habe aber einen guten Blick und relative Beinfreiheit. Es ist eine „Tag Team Show“, was bedeutet, dass nicht ein Billy, sondern alle vier „amtierenden“ Darsteller, alle drei Michael-Darsteller und alle drei „Debbies“ und alle Tall und Small Boys auftreten – manchmal sogar gleichzeitig, was zu ganz ungewohnten und witzigen Effekten führt.

Mit leichter Verzögerung beginnt die Show. Das Theater ist bis auf den letzten Platz besetzt. Zunächst erscheint Liam Mower, Billy Nummer eins auf der Bühne. Mit ihm, James Lomas und George Maguire begann 2005 alles. Die drei haben damals Musical-Geschichte geschrieben. Mower sang auch die CD-Veröffentlichung 2005 ein, bis auf „Angry Dance“ wo George Maguires Stimme zu hören ist. Liam zählt ein paar Statistiken auf: 42 Billies, 26 Michaels, 22 Debbies standen auf der Bühne – insgesamt über 500 Kinder. Nach Liam spricht Regisseur Stephen Daldry ein paar Worte, gefolgt vom Sprecher des East Durham Trust, zu dessen Gunsten der Erlös des Abends geht und für den im Laufe der Woche gesammelt wurde.

Thomas Hazelby tritt als erster Billy bei „The stars look down“ auf. Erster Michaael ist Ben Robinson. Abgelöst wird er von Brodie in der nächsten Szene. In der Szene im Boxclub mühen sich nicht Tall Boy und Small Boy ab, sondern alle drei Tall und Small Boys. „J-e-s-u-s“ stöhnen alle drei Small Boys während ihrer Liegestützen. Nat darf sich als Billy Nummer drei anhören, wie Großmutter von ihrer Jugend erzählt. Euan hat dann seinen Auftritt während „Solidarity“, bevor er mittendrin von Thomas abgelöst wird. Schließlich stehen alle vier Billy-Darsteller auf der Bühne. Euan und Ben (als Michael) treten zunächst in „Expressing yourself“ auf, bevor diesmal zum Ende der Nummer alle drei Michael-Darsteller auf der Bühne stehen. Euan darf anschließend „The Letter“ singen. Bei „Born to Boogie“ hat Brodie noch einmal die Ehre, sein Kunst beim Seilspringen unter Beweis zu stellen. Vor „Angry Dance“ wird Brodie von Nat abgelöst, doch nur für eine Weile (Dads Bemerkung „Ich weiß gar nicht, was heute mit dir los ist!“ ergibt heute einen ganz anderen Sinn). Schließlich stehen zum Ende des ersten Aktes alle vier Billy-Dasteller auf der Bühne.

Während der Pause ist es auf den Gängen im Theater unglaublich voll. So begebe ich mich schnell wieder auf meinen Platz. In der „Winter Szene“ spielt zunächst Brodie die Rolle des Billys, bevor Thomas für das „Dream Ballet“ übernimmt und ein letztes Mal im Victoria Palace Theatre unter der Decke schwebt. Es ist auch Thomas, der Billy während der „Audition“ spielt. Seine freche Art, wie er zunächst das Einmach-Glas mit dem Geld für das Vortanzen dem Auswahl-Komitee auf den Tisch stellt und dann in aller Seelenruhe mit einem Bleistift wieder das Band auf der Kassette mit der Musik für seine Tanznummer aufwickelt (ein Problem, das die heutige Jugend gar nicht mehr kennt), ist immer wieder amüsant. Thomas knallt auch den Kopf von „Posh Boy“ gegen die Wand. Die Strafe dafür muss dann aber Nat ausbaden, was bedeutet, dass er bei „Electricity“ tanzt und dabei sein außergewöhnliches Talent unter Beweis stellt.

Auf Facebook heißt es später dazu „Die Aufführung war einmalig. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass Nat die Show mit seiner Electricity gestohlen hat. Mir fiel die Kinnlade herunter.“ „Ich habe Electricity nie besser gesehen. Niemals.“ „Ich traute meinen Augen nicht.“ „Nats Electricity war die beste, die ich in meinem Leben gesehen habe. Der Aufbau, die Leidenschaft, das Tanzen .. Ja das UNGLAUBLICHE Tanzen. Nats Ballet- und akrobatische Künste sind nicht von dieser Welt. […] Nat Sweeney ist ein absoluter Superstar. […] Die Technik, die Geschwindigkeit, die Kraft. Wow.“

Für sein phänomenales „Electricity“ erhält Nat minutenlange stehende Ovationen und Beifallsstürme. Als sie endlich verklingen, geht ein breites Grinsen über sein Gesicht, was eigentlich zu der Rolle in dem Augenblick nicht gehört. Aber wer wollte es ihm verdenken, wenn das ganze Theater vom Parkett bis zum letzten Rang stehend applaudiert? Und Deka Walmsley als Dad ruft diesmal besonders laut und stolz: „Wow – wow! My son!“.

Als der Brief von der Royal Ballet School eintrifft, stehen Euan und Nat auf der Bühne. Wenn Euan „Billy Elliot is queer“ liest, zeigt Nat auf Euan mit einem Grinsen, das sagen soll „Sieh mal zu wie du aus der Nummer wieder rauskommst“ und verlässt die Bühne. Euan setzt sich in seinem Zimmer auf sein Bett. Das Zimmer fährt hoch – und auf der Treppe stehen Brodie, Thomas und Nat – alle vier Billies lesen den Brief. Der Brief beinhaltet eine gute Nachricht: Billy wurde an der Ballett-Schule aufgenommen (auch wenn Billy zunächst behauptet, er sei abgelehnt worden). Die Nachricht wird aber kurz darauf überschattet, als bekannt wird, dass der Streik zusammengebrochen ist. Billys Bruder Tony (Matthew Seadon-Young) baut in seinen Text einen aktuellen Bezug ein: „When you come back here Billy, everyone you know will be unemployed. In this village, in the next village, in the village after that and the village after that. All the way to Port Talbot.“ (In dem Stahlwerk dort in Wales kriselt es derzeit). Und aus „We can’t all be fucking dancers“ wird „we can’t all be bloody Billy Elliot“.

In der folgenden Szene, in der sich Billy von seiner Mentorin der Ballettlehrerin Mrs. Wilkinson verabschiedet, stehen wieder alle vier Billies auf der Bühne. Ruthie Henshalls (Mrs. Wilkinson) gerät sehr persönlich: „You, Nat…“, „You, Brodie…“, „You, Thomas…“, „And you, Euan… You are very fucking special. Now piss off before I start to cry! And Billy… Good luck.“

Als dann Billy (bzw. Brodie) mit seinem Dad seinen Koffer packt, marschiert wie angekündigt die Bergmannskapelle aus Easington ein und spielt mit dem Orchester „Once we were kings“ und verleihen dem Stück noch mehr Authentizität. Danach spielen sie noch ein Stück aus „Abide with me“.

Nachdem Billy die Bühne verlassen hat und Michael mit seinem Fahrrad auf die Bühne fährt und ihm nachruft „Oi, dancing boy!“, verabschieden sich beide – wie es früher bei einer Last Night üblich war – mit ihren echten Namen“: „See ya, Nathan“, worauf Michael/Nathan traurig antwortet: „yeah, see ya, Brodie“.

Elton  John mit den vier Billies: Euan, Nat, Thomas und Brodie
Elton John mit den vier Billies: Euan, Nat, Thomas und Brodie

Normalerweise folgt – nachdem der Vorhang gefallen ist – das Finale: „Billy“ läuft wieder auf die Bühne und er und die anderen Darsteller nehmen den wohlverdienten Applaus entgegen. Heute Abend aber steht nur ein einziger Mann auf der Bühne, als sich der Vorhang wieder öffnet: Sir Elton John. Nach einer stehenden Ovation für den Komponisten des Musicals stellen sich die vier Billy-Darsteller des Abends zu ihm und dann folgte das Finale. Zum Abschluss stehen (fast) alle Billy-Darsteller der letzten elf Jahre wieder vereint auf der Bühne. Insider zählen später 33 der 42 Billy-Darsteller als am Abend anwesend. Für viele war „Billy“ der erste Schritt einer großen Karriere: Tom Holland (Billy Nr. 17) ist heute Spiderman. Und Dean-Charles Chapman (Billy Nr. 21) ist besonders eng mit dem Stück verbunden. In der Originalbesetzung war er der „Small Boy“, 2008 kehrte er in der Rolle des „Michael“ zurück und nach weiterem Training stand er von 2009 bis 2011 in der Titelrolle auf der Bühne. Nach Ann Emery (als Großmutter) war er insgesamt am zweitlängsten bei „Billy Elliot“. Heute sitzt er als König Tommen auf dem Eisernen Thron in „Game of Thrones“.

Damit geht eine grandiose letzte Aufführung von „Billy Elliot“ im Vicotria Palace Theatre zu Ende. Viele sind auch ein wenig traurig, dass es erst einmal keine weiteren Aufführungen in London gibt. Viele verbinden eine spezielle Geschichte mit dem Musical. Meine Sitznachbarin, die mit ihrem Sohn da ist, war auch bei der ersten Aufführung 2005 im Theater. Und als ihr Sohn aus Afghanistan zurückkehrte, war „Billy Elliot“ das erste Stück, was die beiden sich ansahen.

Doch das Musical ist nicht am Ende: derzeit ist es Tournee durch Großbritannien und Irland und wird an verschiedensten Ort der Welt aufgeführt: von Skandinavien, Israel, Süd-Korea, Japan bis in Neuseeland. Und wer möchte, kann sich einen Live-Mitschnitt auf DVD oder BluRay anschauen: mit einem exzellenten Elliott Hanna in der Titelrolle. Ihn treffe ich nach dem Herausgehen vor dem Theater und ich lasse es mir nicht entgehen, mein Programm von ihm signieren zu lassen.

Der Rückflug am nächsten Sonntag verläuft so unspektakulär wie der Hirnflug. An späten Nachmittag treffe ich – mit vielen Eindrücken – wieder zu Hause ein.

Noch mehr Fotos gibt es in meinem Fotoalbum.

Zurück nach London und Billy

Für mich heißt es wieder, Abschied von Torquay und dem Hotel Cavendish zu nehmen. Letzteres fällt mir nicht schwer, da in der Nacht Gäste eines Junggesellenabschieds sich lautstark stritten. Dabei wurde einem der Partygäste die Nase gebrochen, so dass die Ambulanz kommen musste. Morgens um 6 Uhr stand er wieder geräuschvoll auf dem Flur.

Das Christie-Festival geht noch bis einschließlich Sonntag weiter. Der Ball in Greenway am Samstag ist sicher ein Highlight. Ich aber fahre am Samstagmorgen zurück nach London, wo ich am frühen Nachmittag eintreffe. In der City ist es äußerst voll, trotz der Konkurrenz durch das Internet werden die Kaufhäuser offenbar nach wie vor frequentiert. DVD- und CD-Geschäfte sind aber sehr selten in London geworden.

Wenn mir jemand Anfang des Jahres gesagt hätte, dass ich mir in diesem Jahr mir dreimal „Billy Elliot – The Musical“ ansehen würde, hätte ich es wahrscheinlich selber nicht geglaubt. Das Musical hat mich aber derart beeindruckt und begeistert, dass ich an meinem letzten Abend in London eine weitere Aufführung anschaue. Diesmal ist der gerade mal zehn Jahre alte Thomas Hazelby „Billy“. Ich habe einen sehr guten Platz vorne und kann dem musikalischem Leiter bei der Arbeit über die Schulter gucken. Wieder eine gelungene Aufführung,die drei Stunden vergehen wie im Fluge.

Am Sonntagmittag geht es dann mit U-Bahn, Zug und – da auf der Strecke am Wochenende gebaut wird – mit Schienenersatzverkehr (der sehr gut organisiert ist) nach Southend. Der Rückflug verläuft reibungslos. Leider wird kurz darauf die Verbindung Münster/Osnabrück – London-Southend eingestellt. Im nächsten Jahr muss ich also anders anreisen, denn die zweite Konferenz „Bodies from the Library“ steht bereits auf meinem Reiseplan.

Die Fotos vom Tag in meinem Fotoalbum

Tom Adams, John Curran and Curtain up!

Um 11 Uhr finden wir uns wieder im Torquay Museum zur Buchvorstellung von „Uncovered, The Art of Agatha Christie“ mit Buchcovern von Tom Adams und Kommentaren von John Curran ein. Bereits 1981 war ein Band „Tom Adams‘ Agatha Christie cover story“ erschienen – „leider nicht bei Harper Collins“, so David Brawn in seiner Vorstellung. Da Tom Adams seitdem neue Cover entworfen hat, darunter auch das Cover für „Hercule Poirot and the Greenshore Folly“ (das nicht im Band abgebildet ist) und für die er im fortgeschrittenen Alter sich aus dem Ruhestand zurückmeldete, gibt es einen neuen Band erschienen mit weiteren Illustrationen zu Christie-Werken. Die Illustrationen sind etwas düster, einigen sind sie zu morbide, viele mögen sie aber sehr.

Anschließend wiederholt – auf vielfachen Wunsch – John Curran seinen Talk vom vergangenen Samstag. Er durchläuft Christies Werke in Dekaden. Es ist interessant, wie die Themen wechseln im Laufe ihres Lebens. Nach dem zweiten Weltkrieg sind ihre Romane weniger klassische Detektivromane, sie stellt mehr die Figuren und ihre Charaktere in den Mittelpunkt (z.B. in „The Hollow“).

Anschließen müssen wir uns beeilen – die Lunchbreak fällt flach – um rechtzeitig im Little Theatee zur Buchvorstellung von „Curtain up“ von Julius Green zu sein. Da das Werk auch bei Haprer Collins erschienen ist, wird auch Julius Green von David Brawn vorgestellt. Sein Buch sei das umfangreichste, was je bei Harper Collins zu Agatha Christie erschienen sei. Da Green aber so viel Material entdeckt habe, wäre es nicht ratsam gewesen, das Buch zu kürzen. Julius Green hatte Zugang zum Agatha-Christie-Archiv und weiteren Archiven – auch in New York und zum Archiv von Peter Saunders (der viele Christie-Stücke, unter anderem „die Mausefalle“ produziert hatte). Dabei stieß er auf elf bisher unbekannte Stücke der Queen of Crime (die Presse machte daraus später zehn). Im Buch sind diese aufgelistet, die mir mit Ausnahme von „Miss Perry“ neu waren:

A Masque from Italy
The Conquerer
Teddy bear
Eugenia and Eugenics
The last seance (als Kurzgschichte in „The hound of death“ erschienen)
Ten years
Marmalade Moon
The clutching hand (hier adaptierte Christie einen Roman von Arthur B. Reeve)
The lie (ein häusliches Ehedrama)
The Wasp’s nest (als Kurzgeschichte, u.a. in „Poirot’s early cases“ erschienen)
The stranger (nach ihrer Kurzgeschichte „Philomel Cottage“)
Someone at the Window (nach ihrer Kurzgeschichte „The dead harlequin“ aus „The mysterious Mr. Quin“)
Towards Zero (nach ihrem gleichnamigen Roman, 1945 aufgeführt in Martha’s Vineyard Playhouse, später wurde es auch von Gerald Verner adaptiert)
Miss Perry (ein niederländischer Sammler hatte vor einigen Jahren eine Kopie entdeckt, es gibt aber noch weitere, z.B. eine im Christie-Archiv)

Green betont, dass es für Christie eine Herzensangelegenheit war, Stücke zu schreiben. Sie liebte das Theater und hatte als junges Mädchen in privaten Aufführungen mitgewirkt.

Einige Schauspieler der Agatha Christie Theatre Comapny bringen einige Szenen aus den wiederentdeckten Stücken zu Gehör.

Diese Veranstaltung ist ein großes Highlight des Festival und ist für mich die letzte Veranstaltung des Christie-Festivals. Eine interessante Woche mit einigen Neuigkeiten und vielen bekannten Gesichtern geht zu Ende.

Die Fotos vom Tag in meinem Fotoalbum

Greenway revisited

Heute habe ich einen Festival-freien Tag. Ich verzichte auf die französische Verfilmung von „Sparkling cyanide“ aus der Reihe „Les petits meurtres d’Agatha Christie“ und auch auf die deutsche Verfilmung „Die Abenteurer GmbH“ von 1929 am Nachmittag. Die Lesung aus „They Came to Baghdad“ um 10 Uhr im Zelt vor Torre Abbey nehme ich aber noch mit. John Telfer, der Vicar aus der Dauer-Hörspielserie „The Archers“, liest die ersten beiden Kapitel. Dann spaziere ich noch etwas durch Torquay. Der Pavillon ist immer noch geschlossen. Wie man mir sagt, soll er Bestandteil eines Hotels werden, das an Stelle des benachbarten Parkhauses gebaut werden soll.

An Nachmittag fahren Norman und ich dann nach Greenway. Eine Christie-Week ohne einen Besuch in Greenway wäre keine richtige Christie-Week, finden wir. Der National Trust hat seine Policy geändert: inzwischen darf man im Haus fotografieren, sofern man kein Blitzlicht verwendet. Ich mache davon reichlich Gebrauch. Nach dem Gang durchs Haus verweilen wir noch bis kurz vor Schließung im Garten.

Auf dem Rückweg nach Torquay setzt mich Norman in Paignton ab, da ich noch eine Aufführung von „The Hollow“ sehen möchte. Andere Christe Fans, die die Aufführung schon gesehen hatten, sind voll des Lobes. Sie sei die beste Amateur-Aufführung, die sie je gesehen hätten. Nach dem Stück kann ich mich dem Urteil anschließen, die Rollen sind ausgezeichnet besetzt, was auch daran liegt, dass Halb-Professionelle mitspielen. Besonders Yvonne Tilley in der schwierigen Rolle als Lady Angkatell überzeugt. Das Theater ist voll besetzt, darunter überraschend viele junge Leute aus unterschiedlichen Länder. Es scheint ihnen gut zu gefallen, sie lachen und stöhnen an den überraschenden Stellen im Stück auf.

Nach dem Stück fahre ich mit zwei Frauen aus unserem Christie-Kreis, die ebenfalls „The Hollow“ gesehen hatten, im Bus zurück nach Torquay, wo sich der gesamte Christie-Kreis im Grand Hotel trifft.

Die Fotos des Tages in meinem Fotoalbum

And then and then and then

Der erste Vortrag ist für mich in dieser Woche der erste im Torquay Museum. Es geht in der Veranstaltung „And then there wer how many“ um Christies vielleicht erfolgreichstes Werk „And then there were none“ und dessen Bühnenadaption. Julius Green, die treibende Kraft hinter der Agatha Christie Comapany, berichtet zuerst. Green kam mit dem Phänomen Agatha Christie kurz nach der Jahrtausendwende in Berührung, als seine Company den Betrieb des Palace Theatre in Westcliff-on-Sea übernommen hatte. Seine Company versuchte alles, brachte Gaststars nach Westcliffe, aber es wollte sich kein Erfolg einstellen. Dann kam ein Tourneetheater, führte „The unexpected guest“ auf und das Haus war eine Woche ausverkauft. Auf einer Autofahrt nach London mit seinem Geschäftspartner Lenagan überlegten die beiden, sechs Stücke Christies auf die Bühne zu bringen. Als sie kurz vor London waren, meinten sie „Oh, let’s do them all“. „And then there were none“, beziehungsweise „Ten little niggers“ wie das Stück damals noch hieß, war das erste Stück der Queen of Crime, das aufgeführt wurde, das sie selber für die Bühne bearbeitet hatte. Es war sofort ein Erfolg am West End und das Stück wurde auch am Broadway gezeigt. Green erinnert – unter Bezug auf die gestrige „hitzige Debatte“ und Fernsehadaptionen – dass Christie oft selbst die radikalsten Änderungen vornahm, indem sie Poirot aus dem Stück strich oder sogar den Mörder und das Motiv änderte (zum Beispiel in „Appointment with death“).
John Curran nimmt den Faden auf, berichtet über die unterschiedlichen Version für Buch, Bühne und Film und ihre unterschiedlichen Enden. Wobei Christie selber für die Bühnenversion das Ende veränderte.
Anschließend kommen Deborah Grant und Ben Nealon, Mitglieder der Official Agatha Christie Theatre Company, zu Wort. Sie stehen derzeit mit dem Stück in Torquay auf der Bühne. Ben lobt Christies Texte. Er habe öfter die Erfahrung gemacht, dass ihm der Text in den Heften von Samuel Ffrench komisch vorkam und er dann sich den Originaltext besorgte und er dann feststellte, dass eine Zeile fehlte und der Text, so wie ihn Christie ursprünglich geschrieben hatte, absolut Sinn ergibt. Zum Schluss gibt es noch eine Art „Werbeblock“: Eine Mitarbeiterin von Samuel French USA stellt „And then there were none“ als enhanced E-Playscript vor. Ein Skript mit erweiterten Funktionen, wie zum Beispiel Videos mit Übungen für den richtigen englischen Devon-Akzent oder Soldatenfiguren zum Ausdrucken für einen 3D-Drucker. Leider ist das E-Book nur für das iPad in Amerika erhältlich. Besser wäre Samuel French beraten gewesen, das E-Book webbasiert zu entwickeln. Mit html5 wären auch „enhanced features“ im Brwoser sichtbar. Im Sinne der Langzeitarchivierung ist eine E-Book App auch nicht gerade: in ein paar Jahren wird es schon schwierig werden, Abspielgeräte für die App zu finden.

Am Nachmittag höre ich mir David Brawns Vortrag an. David Brawn ist bei Harper Collins zuständig für die Veröffentlichung der Werke von Agatha Christie. Zu Anfang erzählt er etwas über die Geschichte von Harper Collins. Harper Collins ist Teil der News Corporation von Rupert Murdoch und gehört neben Hachette, Holtzbrinck/Macmillan, Penguin Random House und Simon & Schuster zu den fünf größten Verlagen der Welt. Harper Collins entstand 1990 durch den Zusammenschluss von Harper & Row und William Collins unter dem Dach der News Corp. Collins wurde 1819 in Glasgow gegründet und vertrieb zunächst überwiegend religiöse und pädagogische Schriften. Belletristik kam erst 1917 dazu. Ab 1926 erschienen auch Agatha Christies Werke bei Collins, nachdem die ersten sechs Bücher bei The Bodley Head erschienen waren. Ob Collins Christies Erstlingswerk „The mysterious affair at Styles“ zunächst abgelehnt hatte, lässt sich nicht heute nicht sagen, ist aber unwahrscheinlich, da Collins damals noch nicht als Verlag für Detektivromane bekannt war und erst später damit begann, Kriminalromane zu veröffentlichen. David Brawn erzählt anschaulich und unterhaltsam von der Zusammenarbeit zwischen Collins und Christie bis zu ihrem Tod. Eine kleine Krise zwischen Agatha Christie und William Collins, mit dem sie ein Leben lang befreundet war, ergab sich ziemlich zu Anfang der Zusammenarbeit, als Collins einen Editor in seinem Haus damit beauftragte, anlässlich der Filmveröffentlichung von „The Passing of Mr Quinn“ die Kurzgeschichte von Christie zu einem Roman umzuschreiben. Wie der Film hatte auch der Roman nicht viel mit der Kurzgeschichte zu tun. Christies literarischer Agent Edmund Cork protestierte heftig und kurz vor dem Druck wurde aus Mr. Quinn „Mr. Quinny“, um ihn vom Original zu unterscheiden. David Brawn erwähnt auch die Entstehung von „The Big Four“. Öfter ist ja zu lesen, dass Christie den Roman aus mehreren Kurzgeschichten, die in der Zeitschrift Sketch erschienen waren, zusammengestellt hatte. Das ist aber nicht ganz richtig. „The Big Four“ erschien in „The Sketch“ als Fortsetzungsroman unter dem Titel „The man, who was Number Four“. Christie schrieb dann den Text um zu „The Big Four“. Harper Collins wird demnächst den Roman so veröffentlichen, wie er zunächst in „The Sketch“ erschienen war.

Am Abend sehe ich mir eine Aufführung der Agatha Christie Theatre Company von „And then there were none“ im Princess Theatre an. Das Theater ist leider nur zur Hälfte besetzt. Das Stück ist gut inszeniert, kein Vergleich zu der Aufführung in New York.

Die Fotos vom Tag in meinem Fotoalbum

A „heated debate“ and birthday celebrations

Der Morgen beginnt mit einer kleinen Pleite. Die Lesung von Mathew Prichard aus einem Buch seiner Großmutter um 10 Uhr fällt leider kurzfristig aus. Um elf Uhr finden sich Christie-Fans aller Länder vor der Büste der Queen of Crime zu einem Fototermin ein.

Mike und ich nutzen anschließend den freien Vormittag und fahren nach Powderham Castle. Das Castle liegt in der Nähe von Exeter und wurde zwischen 1390 und 1420 von Sir Philip Courtenay errichtet und ist bis heute im Besitz der Familie, der Earls of Devon.
Das Schloss ist nur im Rahmen einer Führung zu besichtigen, die recht informativ ist. Selten bin ich durch so viele „Geheimtüren“ geschritten. Beim Gang durch das Castle weist unser Führung immer wieder auf die Familienporträts hin. Fast alle Stammhalter hießen „Willam“. Der neunte Earl of Devon hatte 13 Schwestern und war der einzige Sohn der Familie. Er war ein enger Freund des Prince Regent und gab ähnlich viel Geld aus wie sein königlicher Freund. Er verbrachte seine letzten Lebensjahre in den USA, weil seine sexuelle Orientierung nicht der damaligen gesellschaftlichen Norm entsprach, erfahren wir.

Ganz frisch hat in diesem Jahr ein neuer Earl das Anwesen bezogen, nachdem sein Vater kurz vorher verstarb: Charles Courtenay der 19. Earl of Devon mit seiner jungen Familie.

Wie ich später lese, wurden hier auch Szenen für einen meiner Lieblingsfilme „Was vom Tage übrig blieb“ („The remains of the day“ mit Anthony Hopkins und Emma Thompson) gedreht.

Am Nachmittag fahren wir wieder zurück nach Torquay. Leider ist die Sonne am Himmel verschwunden und Wolken haben sich gebildet. „From page to screen: an anatomy of the new BBC TV Christies“ ist die Veranstaltung am Abend überschrieben und die Verantwortlichen der BBC für die kürzlich ausgestrahlte Serie „Partners in Crime“ und „And then there were none“ (der Dreiteiler soll noch in diesem Jahr ausgestrahlt werden) haben sich auf dem Podium eingefunden. Die BBC hat, so muss man daraus schließen, dass es sich ausschließlich um Frauen handelt, ihre Frauenquote überfüllt. Außerdem anwesend Mathew Prichard und Hilary Strong von Agatha Christie Ltd. Zur Einstimmung gibt es aber erst einmal einen Clip aus der vor Kurzem in Japan gedrehten Version des „Orient-Express“ zu sehen. Der Clip wird vom Publikum wohlwollend aufgenommen. Als zwei Ausschnitte aus „Partners in Crime“ zu sehen sind, ist der Applaus eher lauwarm. Anschließend ist eine Szene aus „And then there were none“ zu sehen. Darin macht die Haushälterin Mrs. Rogers der Sekretärin Vera Claythorne ziemlich deutlich, dass sie „unten“ beim Personal nichts verloren hat. Drehbuchautorin Sarah Phelps erläutert ausführlich, warum sie die Szene geschrieben hat, die sich im Buch gar nicht befindet. In der Diskussion am Schluss greift Australien größter Fan Scott das auf. Zunächst sagt er, habe er eigentlich vorgehabt „Rotten tomatoes“ zur Veranstaltung mitzubringen. Doch das gehöre sich nicht am Geburtstag von Dame Agatha. Die Veranstaltung trage den Titel „From page to screen“, daher möge man ihm bitte mal erläutern, von welchen Seiten aus den Tommy und Tuppence-Büchern das stamme, was in der Serie zu sehen sei. Und fragt er, wer verantwortlich sei „für die geschmacklose Anspielung auf das Verschwinden von Agatha Christie 1926“. Man gibt sich bezüglich der letzten Frage überrascht und fragt nach, was er damit meine. In der allerersten Szene von „The secret adversary“ ist ein Hotel in Paris im Bild, das übersetzt „Der alte Schwan“ heißt (Agatha Christie war während ihres heute ungeklärten Verschwindens in einem Hotel abgestiegen, das heute „The old Swan“ heißt“). Das sei reiner Zufall heißt es, die Szene sei überhaupt in London gedreht worden und man habe willkürlich Namensschilder an Häuser angebracht. John Curran kritisiert, dass „Partners in crime“ in den 50ern Jahren spielt, obwohl gerade für die 50er Jahre keine Tommy und Tuppence Bücher gebe. Das läge daran, dass Tommy-Darsteller David Walliams zu alt war, für einen jugendlichen Tommy, so wie Christie ihn in Partners in Crime beschreibt. Daher habe man die ganze Serie in das Jahr 1952 verschoben. Und – so Drehbuchautorin Zinnie Harris – hätte sie es als spannend empfunden, dass das Verhältnis von Tommy und Tuppence sich im Laufe der Zeit abgekühlt habe und sie in der Serie wieder zueinander finden (was in den Büchern auch ganz anders ist).

Für mehr Fragen bleibt keine Zeit und „What’s done, is done“, stellt John Curran resigniert fest, da kurz darauf die „Geburtstagsparty“ für die Queen of Crime im Garten von Torre Abbey startet. Dazu wurde der Garten in verschiedenen Farben ausgeleuchtet. In einem Winkel steht ein Jongleur, auf dem Rasen sitzt eine ältere Dame an einem kleinen runden Tisch und tippt (Christie an ihrem „sturdy table“ darstellend). Aus einem offenen Fenster singt eine Sängerin Arien zu Klaviermusik – eine Erinnerung, dass Christie als junge Frau vorhatte, Sängerin und Pianistin zu werden. Da es im Garten teilweise relativ abschüssig ist und es viele dunkle Ecken mit unebenen Pflaster gibt, stehen überall Helfer, die darauf achten, dass das zum Teil schon ältere Publikum nicht stürzt. Anschließend wird der Geburtstagskuchen angeschnitten. Diesmal nicht „Delicous Death“, sondern ein Kuchen, den Schüler des South Devon College gebacken haben. Jeder Gast bekommt ein kleines Stück.

Filmstudenten des South Devon College bestreiten auch den letzten Teil des Abends in der Spanish barn. Eher zufällig sind wir rechtzeitig in der barn, als der ganz kurze Clip gezeigt wird, der Christie und Poirot näher beleuchtet. Mir sagt der Clip auch nach dem zweiten Sehen eher wenig, diejenigen, die ihn sehen, finden ihn „fascinating“. Viele der Gäste draußen sehen das Filmchen aber nicht, weil nicht bekannt gegeben wurde, wann es gezeigt wird.

Die Fotos vom Tag in meinem Fotoalbum

A wie Arsen, Margaret und ich

Kathryn Harkups Vortrag „A is for Arsenic“ ist für mich das Highlight des ganzen Festivals. Die junge Pharmazeutin Dr. Harkup stellt sehr souverän und äußerst unterhaltsam drei Gifte aus Agatha Christies Gift-Arsenal vor: Strychnin, Arsen und Phosphor vor. Die Zuhörer sind so interessiert und stellen so viele Fragen, dass keine Zeit mehr für einen vierten Giftstoff bleibt.

Nach einer kurzen Mittagspause begebe ich mich zum Little Theatre. „Murder, Margaret and Me“ heißt der Titel der One Woman Show, in der Janet Prince gleichzeitig Margaret Rutherford, Agatha Christie und deren Figur Miss Marple verkörpert und auf der Spur nach Rutherfords großem Geheimnis ist: ihre Mutter hatte Selbstmord begangen und ihr psychisch-verwirrter Vater erschlug später den eigenen Vater.

Fotos von dem Tag in meinem Fotoalbum

Agatha, Archie und Kate Adie

Der erste Vortrag findet im Grand Hotel statt. Der Titel lautet „Agatha, Archie and The Grand Hotel“. Den ersten Vortrag hält Fiona Hallworth, Director of Heritage am Clifton College in Bristol. Clifton College ist die Privatschule, die Agatha Christies erster Ehemann Archie besuchte. Fiona Hallworth kann viel Unbekanntes über Archie berichten. 1889 wurde er in Indien geboren, wo sein Vater als Staatsbediensteter beschäftigt war. Seine Mutter stammte aus Irland. Als Archie elf Jahre alt war, starb sein Vater. Zwei Jahre später heiratete seine Mutter William Hemsley, der in Clifton College unterrichtete. Archie wohnte nicht bei seinen Eltern auf dem Schulgelände, sondern in einem Internatshaus. Fiona zeigt einige Fotografien aus dem Schularchiv. Archie war sehr sportlich, zeigte aber auch akademisches Interesse. In ihrem Vortrag porträtiert Fiona auch die Lehrer, die Archie Christie prägten. Seine Kindheit und Jugend unterscheidet sich markant von Agathas. Während er ein Internat mit seinen strengen Vorschriften besuchte, wuchs seine spätere Frau zu Hause ohne formelle Schulbildung auf. Frei konnte sie entscheiden, was sie am Tag lesen oder womit sie sich beschäftigen wollte. Dies sei für ihre spätere Kreativität enorm wichtig gewesen, schrieb Christie später. Archies Leben wäre ein gutes Thema für ein neues Buch.
Festival-Organisatorin Dr. Anna Farthing übernimmt den zweiten Part und berichtet – überwiegend aus der Autobiographie Agatha Christies – wie Archie und Agatha sich recht spontan entschlossen, am Heiligabend 1914 zu heiraten. Zunächst erschien es unmöglich, doch sie heirateten dann tatsächlich in der Emmanuel Church, in der Nähe von Archis alter Schule.
Der Geschäftsführer des Grand Hotel soll zum Abschluss über die „Agatha Christie connection“ zum Grand Hotel berichten. Bekanntlich verbrachten die Christies hier ihren kurzen Honey moon, bevor sie Agathas Familie informierten, dass sie gestern geheiratet hatten. Leider ist der Geschäftsführer völlig unvorbereitet. Auf der Website des Hotels kann man dazu mehr erfahren als in seinem Vortrag.

Nach den Vorträgen besteht die Möglichkeit, an einer Führung durch die frisch renovierte Agatha Christie Suite teilzunehmen. Ausnahmslos nehmen alle Anwesende teil und werden in drei Gruppen durch die Räume geführt. Die Suite ist sehr geschmackvoll gestaltet, aber Christie hat dort nie übernachtet. Der Gebäudeteil ist erst sehr viel später nach Christies Aufenthalt im Grand Hotel angebaut worden.

Anschließend sehen wir uns im Grand Hotel eine Ausstellung von Hobby-Künstlern, die Werke mit Christie Sujets ausstellen. Einige davon werden künftig in Australien hängen, da sie vom größten australischen Christie-Fan gekauft wurden.

Am Nachmittag steht dann Kate Adies Vortrag „Agatha Christie and the First World War“ auf meinem Programm. Kate Adie, mittlerweile 70 Jahre alt, ist eine Art britischer Scholl-Latour. Es gibt kaum einen Krisenherd auf der Welt, von dem sie nicht für die BBC berichtet hat. Ihr Vortrag verfehlt allerdings die Hälfte des Themas. Kate Adie berichtet über den Einsatz der Frauen an der Heimatfront im ersten Weltkrieg, wo sie Arbeiten übernahmen, die vorher Männern vorbehalten waren und damit die Gleichberechtigung der Frauen ein Stück auf den Weg gebracht wurde. Darüber handelt auch Adies jüngstes Buch, das sie im Anschluss an den Vortrag signiert. Agatha Christie bleibt in dem Vortrag aber nicht mehr als eine Fußnote. Außerdem ist ihre Sichtweise für meinen Geschmack zu feministisch geprägt: als hätten alle Frauen vor dem Ersten Weltkrieg nur ein freundloses Leben geführt.

Wir nutzen die Gelegenheit, nach der Ausstellung die Foto-Ausstellung „Unfinished portrait“ mit zum Teil noch nie gezeigten Fotos aus dem Christie-Archiv anzusehen. Die Ausstellung ist sehr gut und ansprechend gemacht. Eine Katalog dazu wäre eine gute Idee gewesen.

Fotos von dem Tag in meinem Fotoalbum

Anreise nach Torquay und Mystery Film Night

Am 11. September fliege ich zum dritten und letzten Mal in diesem Jahr vom Flughafen Münster-Osnabrück nach London-Southend. Die Border Police scheint sich noch nicht darüber zu wundern, dass ich so oft nach Southend fliege. Der Flug ist wieder sehr spät. Um 21.15 Uhr Ortszeit landen wir in Southend. Aber der Flughafen ist klein, die Abfertigung und Baggage reclaim sind äußerst fix und so stehe ich bereits um 21.30 Uhr auf dem Bahnsteig in Southend und kann den Zug um 21.35 Uhr nach London Liverpool Station nehmen. Und so stehe ich „schon“ kurz vor halb zwölf wieder bei Norman vor der Tür.

Am nächsten Tag begeben Norman und ich schon auf die Autobahn nach Torquay, wo wir am frühen Nachmittag im Hotel Cavendish ankommen. Das Cavendish war „Star“ der Doku-Soap „The Hotel“ um den ehemaligen Besitzer des Hotels „Grosvenor“ (gegenüber vom „Cavendish“), der sich nun als „Entertainment manager“ im Cavendish versucht. Von dem Geld, das ITV dem Cavendish für die Mitwirkung gezahlt hat, wurde die Rezeption und der Eingangsbereich etwas aufgehübscht. Für die zahlreichen Zimmer des Hotels hat es nicht gereicht.

Für John Currans Talk, der bereits am Samstagvormittag um 11 Uhr stattgefunden hat, sind wir zu spät. Aber der Talk wird noch einmal am Freitag wiederholt, da es einigen anderen auch so ergangen ist.

Wir sind aber rechtzeitig zur fast schon traditionellen „Mystery Film Night“, präsentiert von John Curran am Abend da. John zeigt in der Spanish Barn von Torre Abbey zunächst „The blue geranium“ aus der japanischen Zeichentrickserie „Marple und Poirot“. Anschließend eine TV-Version von Spider’s Web, die am 2. Weihnachtstag 1982 ausgestrahlt wurde – und dann leider nie wieder. Sie stammt, wie John – mit einem Seitenhieb auf die jüngste „Partners in crime“-Version der BBC – sagt, aus einer Zeit, als die BBC noch wusste, wie man Agatha Christie für das Fernsehen adaptiert. Die Umsetzung ist wirklich sehr gelungen. Wesentlich besser als die Aufführung des Stückes vor einigen Jahren in Torquqay. Besonders brilliert Penelope Keith als Clarissa. Wie leicht kann man die Rolle zu albern anlegen! Leider ist der Film bisher nicht auf DVD erschienen. Gut unterhalten gehen wir ins Hotel zurück.