St. Andrews liegt eigentlich im Nirgendwo, auf einem isolierten Küstenplateau der Halbinsel Fife an der schottischen Ostküste. Es gibt drei nennenswerte Straßen - North, South und Market Street - und der nächste Bahnhof befindet sich zehn Minuten entfernt auf einer Wiese. Dass St. Andrews trotzdem weltberühmt st, hat es vor allem einem zu verdanken: Golf. Im Royal and Ancient Golf Club, werden noch immer die Regeln des Sports festgelegt.
Die Gründung von St. Andrew geht angeblich auf drei Finger, einen Zahn, einen Armknochen und eine Kniescheibe zurück. Der griechische Mönch Regulus soll im 4. Jahrhundert in einem Traum angewiesen worden sein, diese Reliquien "an das äußerste Ende der Welt zu bringen". Als er an den Klippen von Fife Schiffbruch erlitt, muss er sicher gewesen sein: Ich bin am Ende der Welt angekommen. Später wurden hier schottische Könige gekrönt, verheiratet und, als im Jahre 1411 die Universität dazukam, auch erzogen.
Dass nun wieder ein Prinz gekommen ist, beeindruckt zumindest die Lehrkräfte nicht sonderlich: "Vier Jahre William in einer 600-jährigen-Geschichte", sagt ein Professor, der es vorzieht, anonym zu bleiben, "das kann uns nicht umhauen". Das gemeine Volk schon. Über 1000 Passanten jubelten dem Prinz zu, als er am Montag von seinem Vater in St. Andrews abgeliefert wurde. Zuvor war er noch zum Mittagessen bei seiner Urgroßmutter, der Queen Mum, auf ihrem schottischen Sitz Birkhall bei Balmoral gewesen. Bei der Ankunft gab es eine kleine Panne: Prinz Charles am Steuer des grünen Opel Omega, daneben sein Sohn, verpasste die Einfahrt zum Innenhof des Uni-Gebäudes und musste den Wagen wenden - unter lauten Jubel der anwesende Menge.
Der älteste Sohn von Prinzessin Diana ist nicht einfach ein Royal. Er ist der Star der Monarchie. Zur großen Begeisterung seiner Fans hat er gerade während seines sozialen Jahrs in Afrika und Lateinamerika bewiesen, dass Prinzen durchaus Holzhäuser bauen, Klos putzen und einheimische Kinder am anderen Ende der Welt zum Lachen bringen können. Überraschenderweise war seine beste Zeit während des Gap Jahres, das ihm großen Spaß gemacht hat, seine Arbeit auf einer englischen Milchfarm mit Aufstehen um 4 Uhr morgens für den Minimumlohn von 3.20 £. "Ich habe einen komplett anderen Lebensstil kennen gelernt." Und er hat sich auch sein Studium an einer angesehenen Universität selbst verdient. Mit guten Noten. Aber so ganz ist William noch nicht auf Kunstgeschichte festgelegt, jedenfalls nicht als Beruf. "Ich würde lieber etwas mit der Umwelt machen. Aber ich bin noch nicht sicher was." Er hat auch noch Zeit, sich zu entscheiden. Während seines vierjährigen Studiums muss er sich bis zum dritten Jahr noch nicht auf sein Abschlussfach festlegen und kann auch das noch ändern. Bis dahin nimmt er noch an einer Reihe von Kursen außerhalb seines Moduls Kunstgeschichte teil. Ein Kurs wird Geographie sein, worin er beim Abitur die Bestnote "A" hatte (Kunstgeschichte "B").
"Der Grund, warum ich keine englische Universität besuchen wollte, ist, dass ich dort gelebt habe und einmal etwas anderes ausprobieren wollte", sagt William "Außerdem wusste ich, dass ich viel von Wales in der Zukunft sehen werde. Und ich liebe Schottland so. Ich liebe die Berge und ich dachte, in St. Andrews gibt es ein richtiges Gemeinschaftsgefühl."
"Ich will vor allem Spaß haben", hat der älteste Sohn des britischen Thronfolgers zu Beginn seines Kunstgeschichtestudiums angekündigt. Spaß? Das ist eine Frage der Definition. Zu Beginn muss jeder neue Student durch eine Art Initiationsritus: erkleidet als Bischöfe oder Comicfiguren und behängt mit Plastikstühlen, Straßenschildern, Autotüren - was den Älteren Semestern eben so eingefallen ist, um die Neuen aufs studentische Leben vorzubereiten. An einem Montag im November müssen Frischlinge mit Dosen voller Schlagsahne oder Rasierschaum aufeinander losgehen. Die "Freshers' week", jene traditionelle bierselige Einführung in das Studentenleben, hat der Prince bereits versäumt. "Es wäre ein Medienspektakel geworden und das wäre den anderen neuen Studenten gegenüber nicht fair gewesen. Außerdem hatte ich dadurch eine weitere Woche Ferien."
Auf der anderen Seite hat sich die Universität in den vergangenen Jahrzehnten zu einer der besten des Landes entwickelt. In der letzten offiziellen Studie bekamen alle Fakultäten für die Qualität der Lehre die Note "exzellent" oder "sehr befriedigend", die beiden höchsten Bewertungen. Keine andere Universität hat dieses Ergebnis erreicht. Auf der ganzen Welt wirbt sie gezielt um die besten Schüler. Und so kommen rund 6000 Studenten aus 75 verschiedenen Nationen zusammen.
41 Prozent der Studenten in St. Andrews haben an Privatschulen gelernt. Nur 15 Prozent kommen aus Familien mit niedrigem Einkommen. Auch Prince William ist ein Etonian, ein Abgänger einer Privatschule, doch hat er bereits klargestellt, dass er sich "bestimmt nicht in einem kleinen Kreis abschotten" werde.
In der kleinen Stadt lernen sie sich schnell kennen, zumal sich die akademischen Eltern während um die Neuen kümmern: Da wäre einmal der "Pub Crawl", bei dem die Erstsemester, von den Älteren an Händen und Füßen zu Zweiergruppen gefesselt, durch alle Kneipen des Ortes gejagt werden. Mit insgesamt 22 hat St. Andrews die höchste Pub-Dichte aller britischen Universitäten. Dennoch William bereits angedeutet, dass er lieber die Abende an Wochenenden im eine Autostunde entfernten Edinburgh verbringen wird. "Ich bin kein Partylöwe, wie manche Leute vielleicht denken, aber ich gehe manchmal gerne aus so wie jeder andere." Zu seinem Vater nach Highgrove wird er auf jeden Fall nicht jedes Wochenende können: mit dem Auto sind es siebeneinhalb Stunden, mit dem Flugzeug immerhin dreieinhalb.
Die Studenten in St. Andrews lernen in kleinen Klassen, jeder hat einen eigenen fachfremden Tutor, der in allen Notlagen einspringt. Das Verhältnis ist meist so eng, dass Professoren ihre Studenten regelmäßig nach Hause einladen oder nach dem Unterricht mit ihnen in den Pub gehen. Dafür sind übrigens besonders Williams Kunstgeschichte-Professoren bekannt. William will zunächst keiner der zahlreichen Universitätsclubs oder -gesellschaften beitreten. Aber an den Sportvereinen der Uni ist er schon interessiert, besonders an Schwimmen und Wasserpolo, was er auch in Eton betrieben hat.
Nur wenige von Williams Freunden studieren St. Andrews. Er freut sich aber auf die Gelegenheit, neue Freundschaften zu schließen. "Ich wähle meine Freunde nicht nach dem aus, woher sie kommen und was sie sind. Es geht nach ihrem Charakter und wer sie sind und ob wir uns verstehen. Ich hoffe nur, das ich Leute treffen, mit denen ich mich verstehe. Ich kümmere mich nicht um ihre Herkunft." Und was, wenn sie etwas gegen die Monarchie haben? "Jeder hat seine Meinungen und darf sie haben. Ich könnte mich trotzdem mit ihnen verstehen. Selbst wenn ich nicht ihre Meinungen teile."
Nachdem sein Studienfach Kunstgeschichte jahrelang von den Studenten anderer Fachrichtungen eher belächelt wurde, nennen sie es nun ehrfürchtig „Royal Degree". Etwas nüchterner sieht es Professor Bruce Lenman, der in St. Andrews Britische Geschichte unterrichtet. "Kunstgeschichte ist für William eine sehr gute Wahl. Das Königshaus hat eine der größten Kunstsammlungen der Welt, und seit langem hat sich keiner von den Royals so richtig darum gekümmert - außer der Queen Mother. Aber die ist jetzt 101."
Im ersten Jahr wohnen fast alle Studenten in den "Halls of Residences", Studentenwohnheimen mit Vollpension, fast die Hälfte von ihnen in Doppelzimmern. William hat ein Einzelzimmer mit Gemeinschaftstoilette. Nebenan sind die Bodyguards untergebracht. Doch auch die konnten nicht verhindern, dass dem Prinzen trotz einer Vereinbarung mit der Presse, bereits in der ersten Woche ein Kamerateam auflauerte und die Bannmeile, welche die Universität um die eigenen Gebäude verhängt hat, durchbrach. Pikanterweise waren es Journalisten der Produktionsfirma von Prinz Edward - Williams Onkel.
Um die Paparazzi fernzuhalten, haben die Verantwortlichen der Universität einige Maßnahmen ergriffen. Jeder Angestellte der Universität trägt jetzt Identitätskarten mit Magnetstreifen. Es wurden bereits Suspendierungen angedroht, falls jemand der Presse Informationen über den Prinzen ausplaudert: Auch Studenten müssen damit rechnen, von der Universität verwiesen zuwerden, wenn sie tratschen. Die Präsidentin der Studentenvereinigung, Dana Green, glaubt allerdings, dass die Kommilitonen William auf ihre Weise beschützen werden: "Wir sind eine so kleine Gemeinschaft hier. Wenn da einer Mist baut und von William profitieren will, betrügt er unsere Gemeinschaft, hier. Das werden die anderen Studenten nicht zulassen." Auch William ist sich sicher: "Ich kann sehr schnell Leute ausmachen, die sich von mir Vorteile versprechen. Und ich lasse sie links liegen."
Seine Groupies hat William allerdings bereits in St. Andrews. Vor allem bei weiblichen US-Schülern hat Prinz William vor einem Jahr für einen Ansturm auf die Universität gesorgt, als sein Studienort bekannt wurde. Um bis zu 100 Prozent sollen ihre Bewerbungen gestiegen sein. "Alle werden sehr schnell von mir gelangweilt sein", hofft dagegen William, der so gerne "ein ganz normaler Student" sein will.
Allerdings: an keiner Hochschule Großbritanniens finden mehr Studenten ihre zukünftigen Ehepartner. Vor seiner Ankunft sagte der junge Prinz verwundert, er habe manchmal das Gefühl, als würde er heiraten. "Aber ich gehe doch nur and die Universität." Seine weiblichen Fans in St. Andrews haben da bestimmt mehr Fantasie.
Stand: 03.01.2009