Ich folge meiner neuen Obsession mit der Musicalproduktion von „Oliver!“ und besuche das Stück erneut im Gielgud Theatre. Wie immer ist das Haus so gut wie ausverkauft. Eine Klasse – vermutlich einer Privatschule – besucht die Matinée-Aufführung. Es ist die Belohnung für eine Schulprüfung, wie das „Head Girl“ einem Zuschauer erzählt. Die Lehrerin gibt klare Anweisungen, was die Schüler im Theater alles nicht dürfen und bittet die Zuschauer, die hinter der Klasse sitzen, ihr mitzuteilen, wenn sich jemand ihrer Schützlinge nicht benehmen sollte. „Das wird nicht nötig sein, das können wir sehen“, sagt darauf eine Zuschauerin.
Die Cast hat sich seit dem letzten Jahr etwas verändert. Der neue Artful Dodger steht heute Nachmittag nicht auf der Bühne. Swing Charlie Stripp vertritt ihn. Und es gibt gleich fünf neue Oliver. Heute erlebe ich gleich zwei: Thomas Newman kann im zweiten Akt leider nicht weiterspielen, „Oliver“ Ryo Appadu springt für ihn ein. Britain hat tatsächlich viele Talente!
Damit nicht genug, am Abend steht ein weiteres Highlight an: Hugh Bonneville in „Shadowlands“. William Nicholson, der das Drehbuch zu dem Film von 1993 geschrieben hatte, hat den Stoff zu einem Theaterstück umgearbeitet, das schon mehrfach aufgeführt wurde, u.a. mit Charles Dance als C.S. Lewis. In dem Schauspiel geht es um die Frage, warum der liebende Gott das Leid der Menschen und der Welt zulässt. Die größten Theologen haben auf diese Frage keine befriedigende Antwort gefunden. C.S. Lewis, der als Kind schon Leid erfuhr, weil seine Mutter starb, als er acht Jahre war, hatte sich eine Antwort zurecht gelegt. Aber als die Liebe seines Lebens, seine Frau Joy aber stirbt, wird diese Antwort und sein Glaube in Frage gestellt. Auch heute wieder hohe Schauspielkunst. Hugh Bonneville, einem Millionenpublikum als Earl of Grantham bekannt, spielt nicht nur C.S. Lewis, er ist der Akademiker, dem im fortgeschrittenen Alter noch die große, tiefe Liebe begegnet.
Die Schlange, die am Bühnenausgang steht für Autogramme steht, ist nicht ganz so groß wie bei „All my Sons“. Hugh Bonneville ist äußerst höflich, als er mein Programm tituliert. „Seine Lordschaft“ spricht mich mit „Sir“ an.
Die Fotos aus London in meinem Fotoalbum
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