Bodies from the Library

Bereits zum vierten Mal fand in diesem Jahr die eintägige Konferenz über die Golden Age Kriminalliteratur in der British Library statt. Wieder hervorragend organisiert von Dr. John Curran, Mike Linane, Mark Green, Norman Home und den anderen „Bodies“.

Nach einem von Willkommensgruß von Rebecca Nuotio (British Library) dem Martin Edwards, dem derzeitigen Präsidenten des ehrwürdigen Detection Clubs, von Dorothy L. Sayers und Agatha Christie aus der Taufe gehoben, beginnt ein von Christine Poulson geleitetes Gespräch von Martin Edwards und Tony Medawar über das Thema „Kurzgeschichten“. Beide haben verschiedene Anthologien herausgegeben, Tony Medawar gerade „Bodies from fthe Library“ (mit einer wiederentdeckten Christi-Geschichte) und in den 1990er Jahren den Band mit Christie-Geschichten „While the lights last“). Martin Edwards hat einige Sammelbände für die British Library herausgeben. Eedawar weiß von Tausenden Kurzgeschichten in alten Zeitschriftenbänden, allerdings seien es die wenigsten wert, neu aufgelegt zu werden. Es gebe einige Autoren, so die einhellige Meinung, die sowohl im Schreiben von Romanen wie auch von Kurzgeschichten herausragend waren. Die meisten (zum Beispiel Conan Doyle lag entweder das Schreiben von Kurzgeschichten besonders oder das Schreiben von längeren Werken. Mehrfach wurde die Kurzgeschichte bereits tot gesagt, sie ist aber bis heute populär geblieben.

Dr John Curran berichtet in seinem Vortrag von kuriosen Veröffentlichungen schon aus den Dreißiger Jahren. Heute würde man sie Medienkombinationen nennen. Der Leser oder Spieler erhielt Aktenmaterial und unterschiedliches Indizienmateiral und war damit aufgefordert das Krimirätsel selbst zu lösen. Sammler, die heute über ein vollständiges Set mit noch ungeöffnetem Lösungsumschlag verfügen, haben einen kleinen Schatz daheim.

Hoher Besuch erwartet uns um 11 Uhr. Die Labour Abgeordnete Rachel Reeves kommt aus dem Parlament (schlicht ohne Security mit der U-Bahn) und referiert über eine Vorgängerin Ellen Wilkinson, einer der ersten weiblichen Abgeordneten im Unterhaus, die, als sie zwischenzeitlich ihren Sitz verloren hatte, einen Krimi geschrieben hat, der auf Empfehlung von Rachel Reeves von der British Library wiederveröffentlicht wurde: „The division bell“.

Nach der Kaffeepause (der Kaffee ist trotz Wechsel des Caterers nur unwesentlich besser als im Vorjahr) erinnert sich Stephen Durbridge, der Sohn des legendären Francis Durbridge, zusammen mit Verleger David Brawn und Melvyn Barnes an seinen berühmten Vater. In Deutschland waren Durbridge-Verfilmungen seinerzeit „Straßenfeger“. Geleitet wird die Diskussion von Dolores Gordon-Smith.

Vor der Lunch-Pause referiert Martin Edwards über den Soldaten, Buchhalter und Krimiautoren Richard Henry Sampson alias Richard Hull, der später Agatha Christie als Präsidentin des Detection Clubs unterstützte.

Nach der Mittagspause folgt der schwächste Punkt des Tage: die Wiedergabe eines Hörspiels. Die Tonqualität ist so schlecht, dass ich bald abschalte.

Tony Medawar macht uns alles mit seinem Vortrag über Leben und Werk von Christianna Brand wieder wach. Es schließt sich ein munteres Gespräch zwischen Simon Brett and Len Tyler über „The Changing Image of the Golden Age“ an. Die beiden haben sich nach eigenem Bekunden vorher nur wenig abgesprochen, sind aber so unterhaltsam wie sachkundig, dass das ein fester Programmpunkt für künftige Bodies-Konferenzen werden sollte.

Jake Kerridge, der für den Daily Telegraph Rezensionen über Krimi-Literatur schreibt, referiert anschließend über Michael Innes und seinen Detektiv Sir John Appleby.

Nach der Kaffeepause schließt sich Dr. Jennifer Palmers Vortrag an über das Thema „The Body In The Library?“. Keinesfalls drapierte Agatha Christie in ihrem gleichnamigen Kriminalroman die erste Tote in der Bibliothek. Fast war damals schon „The body in the Library“ ein Klischee. In dem Vortrag listet Dr. Palmer weitere Krimis auf, in denen die Bibliothek eine zentrale Rolle spielt und warum sich eine Bibliothek mit ihrer Atmosphäre besonders als Krimi-Schauplatz eignet.

Die bewährte Dolores Gordon-Smith tritt zum Schluss mit ihrem Vortrag „The Queen of Crime Abroad“ auf. Bekanntermaßen reiste Agatha Christie viel und gerne und ließ auch ihre Krimis zum Teil an exotischen Schauplätzen spielen. Die persönlich wichtigste Reise war für sie die Fahrt mit dem Orient-Express in den Irak 1928.

„Desert Island“ ist ein beliebtes Spiel in Großbritannien. Diesmal lautet die Frage nicht „Welches Buch würden Sie mit auf eine einsame Insel nehmen?“, sondern „welchen Detektiv?“. Dazu äußern sich Simon Brett, Martin Edwards, Dolores Gordon-Smith, Jake Kerridge, Tony Medawar, Dr Jennifer Palmer, Christine Poulson und Len Tyler

Der „Daggar Award“, letztes Jahr noch für die Bodies-Konferenz aus der Taufe gehoben, wird in diesem Jahr nicht vergeben.

Damit endet eine wieder interessante Konferenz „Bodies from the Library“. Der Termin für das nächste Jahr steht schon: 29.06.2019. Und ein nächster Band „Bodies from the Library 2“ mit einer weiteren raren Christie-Geschichte ist auch schon angekündigt.

Bevor ich am Dienstag wieder nach Hause fliege, fahre ich mit Norman am Montag nach Chartwell, dem ehemaligen Landsitz von Winston Churchill. Nur am Wochenende fährt ein Bus zum Haus und so holt uns Christie-Freund Mike vom Bahnhof mit seinem Auto ab. Auf Chartwell war ich durch die Serie „The crown“ aufmerksam geworden, wo es in der ersten Staffel eine prominente Rolle spielt. 1922 erwarb Churchill das Haus, obwohl er es sich gar nicht leisten konnte. Mehrfach musste ihm Freunde (ja, er hatte welche!) ihn finanziell unter die Arme greifen, damit er das Anwesen behalten konnte. Wärhrend seiner „Wilderness years“, als er in den 1930er Jahre politisch kaltgestellt war, mauerte er im Garten höchstpersönlich Mauern, die heute noch stehen, wenngleich sie mittlerweile rissig geworden sind. Auch zeichnete er hier viel. Nach dem Tod seiner Frau Clementine übernahm der National Trust das Haus. Churchill war sich seiner Bedeutung wohl bewusst und plante schon zu Lebzeiten, wie das Haus in ein Museum umgewandelt werden könnte. Norman trifft sich hier bei der Gelegenheit mit einer Freiwilligen, die hier in den Räumen Besuchern Auskünfte gibt. Offenbar muss diese freiwillige Arbeit belebend sein, denn sie ist mittlerweile über 90 Jahre alt und verrichtet wöchentlich noch zwei Tage ihren Dienst in Chartwell.

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