Leicester (Billy Elliot Revival)

Am Freitagmorgen fahre ich von St. Pancras nur eine Stunde nach Leicester. Der angekündigte WLan-Zugang funktioniert nicht, aber das kennt man ja auch von deutschen Zügen. Mein Hotel, das Premier Inn, ist in Bahnhofsnähe. Das Zimmer kann ich noch nicht beziehen. So erkunde ich schon mal die Stadt und lege einen Stopp am Curve Theatre ein, wo ich Billy Eliot am Abend sehen werde.

Leicesters Innenstadt macht auf mich einen sehr heruntergekommenen Eindruck. Viele Geschäfte stehen leer. In den Eingängen haben sich Obdachlose mit Matratzen niedergelassen. Die Geschäfte, die geöffnet haben, machen einen billigen Eindruck. Um die Kathedrale, die leider wegen Sanierung geschlossen ist, stehen viele mittelalterliche Gebäude, die aber zum einem Teil ebenfalls saniert werden müssten.

Ich schaue mir das neue Richard III. Besucherzentrum an. Die Engländer sind weitaus geschichtsbewusster als die Deutschen. Als vor einigen Jahren der Leichnam des umstrittenen Königs unter einem Parkplatz wiederentdeckt wurde, wurde darüber in zahlreichen Sondersendungen – insbesondere der Wiederbeisetzung in der Kathedrale von Leicester – berichtet. Der Monarch ist bis heute umstritten: ist er zurecht auf den Thron gekommen? Hat der seine beiden Neffen im Tower ermorden lassen? Oder ist vieles, was ihm angelastet wurde, nur üble Nachrede der Tudors, die ihn gestürzt haben? Hat Shakespeare ihm in seinem Stück zu Unrecht als Bösewicht dargestellt? Die Untersuchung des Leichnams zeigte jedenfalls, dass Richard keinesfalls so missgestaltet war, wie ihn Shakespeare beschrieben. hat. Jede einzelne Verletzung, die Richard auf dem Schlachtfeld erlitten hat, wird im Museum einzeln aufgelistet. Er war der letzte Monarch, der auf dem Schlachtfeld starb.

Um 19.30 Uhr ist Show time. Leo Hollingsworth spielt heute Abend Billy, Bobby Donald ist sein Freund Michael. Die Choreographie und das Bühnenbild wurden für die Aufführung in Leicester komplett überarbeitet. Die Bühne ist viel größer als im Victoria Palace Theatre in London und sie ist industriell gestaltet. Ein Förderturm steht im Zentrum, der auch als Wohnung der Elliots dient. Schwere Absperrgitter werden fortwährend durch die Kulisse geschoben, die Bereiche absperren und Menschen absondern. Ballett ist – verständlicherweise wegen der viel kürzen Probe- und Spielzeit – viel kleiner geschrieben als in der Originalaufführung, der Stepptanz ist leider komplett weggefallen, worunter vor allem „Expressing yourself“, aber auch „Angry Dance“ leidet. Viele Einfälle des Regisseurs Nikolai Foster sind durchaus reizvoll. Der Einsatz von Spielzeug-Gewehren in „Shine“ ist allerdings abschreckend, insbesondere wenn man an die nicht enden wollenden Amokläufen in amerikanischen Schulen denkt. Leo weiß als Billy (seine erste professionelle Rolle) zu überzeugen, ebenso Bobby als Michael. Die Produktion in Leicester wurde von der britischen Presse stark beachtet und bekam 5-Sterne-Rezensionen, vom konservativen Daily Telegraph „nur“ vier Sterne. Möglicherweise der Beginn einer Neuauflage als Tour oder im West End? Die derzeitige politische Lage in Großbritannien (Streiks, soziale Schieflagen, eine konservative Regierung, die das nicht zu kümmern scheint) ist der in den 1980er Jahren sehr ähnlich.

Am nächsten Abend sehe ich die Show noch einmal. Diesmal spielt Samuel Newby Billy und Lucas Haywood Michael. Anders als sein Name vermuten lässt, ist Samuel kein Neuling: bereits in „Les Miserables“ stand er als Gavroche auf der Bühne, ebenso in „Mary Poppins“ und in diversen Rollen in London bei „Harry Potter and the Cursed Child“. So ist es nicht verwunderlich, dass er seine Sache ausgezeichnet macht.

Fotos aus Leicester in meinem Fotoalbum

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