London 2001 Dienstag, 19.06.2001: Science Museum, Urteil revidiert: The Rats and The Verdict im Palace Theatre, Westcliff-on-Sea

Für 14 Uhr habe ich mich mit Norman verabredet. Wir wollen wieder zum Theater Festival in Westcliff-on-Sea fahren.
Vorher besuche in das Science Museum im Londoner Stadtteil South Kensington, das schon seit längerer Zeit auf meiner Liste steht. Punkt 10 Uhr zur Öffnungszeit erwerbe ich ein Ticket und stehe vor den verschiedensten Motoren, die die Entwicklung vom dampfgetriebenen Motor bis zum Elektromotor darstellen. Es folgen Flugzeuge und Raketen (z.B. Apollo 10). Bevor ich mich in den ersten Stock begebe, trinke ich noch einen Kaffee im Deep Blue Café. Das blaue Kunstlicht ist allerdings wenig gemütlich. Im ersten Stock geht es um Telekommunikation, Landwirtschaft, Wetterkunde, Zeitmessung, Kartographie und Nahrungsmittelkunde (locker aufbereitet in der Ausstellung "Food for thought").
Der zweite Stock beleuchtet "alltägliche Chemie", Herstellung vonPapier und Druckkunst, Atomenergie, chemische Industrie, Schifffahrt undTauchen. Außerdem geht es um Informatik und Mathematik. Hier wird dieEntwicklung vom Abakus bis zum Taschenrechner der 70-er Jahre illustriert. Ineiner besonderen Abteilung "Making the difference" ist der DifferenceEngine No. 2 von Charles Babbage ausgestellt, ein Vorläufer der heutigenComputer.
Im dritten Stock interessiert mich besonders die Ausstellung zu Fotographie und Filmtechnik. Die Flugzeuge im "Flight Lab" sind natürlich von Schulklassen okkupiert. Im vierten und fünften Stockwerk schließlich wird die Geschichte der Medizin anhand von Puppenstuben-ähnlichen Ausstellungen lebendig gemacht. Die Darstellungen von Operationen mag "sensible Besucher belasten" wird im Ausstellungsführer gewarnt.
Ich schaffe es gerade, bis 13.15 Uhr die wichtigsten Bereiche des Museum zu besichtigen, bevor ich mich in die U-Bahn schwinge und zurück nach Aldgate East fahre.  Hier habe ich mich mit Norman von der Agatha Christie Society verabredet , der bereits auf mich wartet.

Urteil revidiert: The Rats and The Verdict im Palace Theatre, Westcliff-on-Sea

Wir fahren auf der Autobahn nach Westcliff-on-Sea, das mittlerweile mit Southend-on-sea zu einem Stadtgebiet zusammengewachsen ist. Westcliff-on-Sea liegt am Nordufer der Themse-Mündung. Southend ist ein sehr populäres Seebad, da es von London aus das nächste Seebad ist. Trotz des mehr als 9,6 km langen Strandes herrscht an Wochenenden oft großes Gedränge. Southend wurde 1801 populär, als die Prinzessin von Wales den Ort besuchte. Westcliff besitzt die mit 2,4 km längste Mole der Welt, die um 1900 angelegt wurde. Man ist stolz auf den "Kursaal", der wörtlich auch so heißt.Wir entscheiden uns, zu Fuß den Pier entlang zu gehen, man kann auch mit einer Bahn darauf fahren. Am anderen Ende kaufen wir ein Eis. Norman wird von der Eisverkäuferin wegen seiner kleinen Geldbörse angesprochen. Er hat sie aus Amerika. Auf dem Rückweg werfen wir einen Blick auf die Uhr: wenn wir vor dem Theaterstück um 18.30 Uhr noch etwas essen wollen, müssen wir uns sputen. So geht es schnellen Schrittes die Mole entlang: noch eine Meile, noch 0,5 Meilen, noch 0,25 Meilen, wir haben das Ende erreicht und fahren schnell mit dem Wagen zum Theater. Direkt gegenüber liegt ein Fish and Fish Shop, der im Begleitschreiben zu den Theaterkarten empfohlen wird. Zu Recht: Die Chips und die frittierten Shrimps sind ausgezeichnet. Um 6.25 hasten wir ins ins Theater, um 6.30 sitzen wir auf unseren Plätzen in dem kleinen Studio.
Aufgeführt wird "The rats", ein Einakter aus dem Jahr 1962. Ein Paar wird in eine leere Wohnung eingeladen. Vom Gastgeber keine Spur, stattdessen entdecken sie eine Leiche in einer Truhe. Sie müssen feststellen, dass die Wohnungstür plötzlich versperrt ist und sie in der Falle sitzen. Ein kleiner Psychothriller, der schauspielerisch gut umgesetzt ist.
In der Pause bis zum zur Hauptaufführung um 20 Uhr trinken wir einen Kaffee und werfen noch einmal einen Blick auf die Souvenirs. Auf dem Programm steht "The verdict" aus dem Jahr 1958. Agatha Christie selbst bezeichnete dies als ihr bestes Stück nach "Zeugin der Anklage". Doch – Norman war auf der Uraufführung im Londoner Strand Theatre selbst dabei – kam das Stück nicht so recht an, es ertönten sogar Buh-Rufe.
Das Stück spielt im Hause des Professor Hendryk, der aus politischen Gründen seine Heimat (irgendwo in Osteuropa) verlassen musste. Seine Frau Anya ist schwer krank und an den Rollstuhl gefesselt. Um die Kranke kümmert sich rührend eine Verwandte. Eine junge, reiche und verwöhnte Studentin, Helen Rollander, bringt das Leben der Hendryks durcheinander. Es ist kein typischer Krimi, sondern eher ein Stück mit viel Psychologie. Es geht um moralische Verantwortung und darum, was passieren kann, wenn man nur moralische Prinzipien für wichtig hält, die Menschen aber vergisst. Ein ungewöhnliches Thema für Agatha Christie; vermutlich  waren die Zuschauer 1958 mit dem Stück unzufrieden, weil es nicht ihren Erwartungen entsprach. 43 Jahre später – hervorragend gespielt und inszeniert – erscheint es in anderem Licht. "Urteil revidiert" könnte die Überschrift einer neuen Rezension sein, meint Norman.
Nach dem Stück fährt Norman mich zurück nach Aldgate East. Wieder ist ein interessanter Tag zu Ende.
Die Fotos zur Reise finden Sie in meinem Fotoalbum

(Visited 5 times, 1 visits today)

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.