London 2001 Sonntag, 24.06.2001: Mit dem Regenschirm durch den Hyde Park – bei strahlendem Sonnenschein und Abreise

Kaum dass mein London-Aufenthalt begonnen hat, ist er auch schon wieder
vorbei. Die Zeit ist wirklich im Fluge vergangen. Ich zahle meine Rechnung und
checke aus. Da mein Flug erst am späten Nachmittag terminiert ist, darf ich
meinen großen Koffer im Wynfrid House lassen und fahre mit leichtem Gepäck zur
Westminister Cathedral, wo ich am Hochamt – wieder mit großen Chor – teilnehme.
Vor der Kirche hat man ein großes Kreuz zu Ehren des unvergessenen Kardinal
Hume aufgestellt.

Anschließend finde ich endlich bei Lillywhite’s das Trikot der englischen
Nationalelf in meiner Größe. Obwohl ich mit Fußball nicht viel im Sinn habe,
gefällt es mir vom Design her sehr gut. Außerdem nehme ich noch ein anderes
T-Shirt mit. An der Kasse werde ich überrascht: da ich mit meinem Einkauf über
40 £ liege, bekomme ich als Geschenk noch einen großen Regenschirm.

Den Schirm und mein Gepäck schleppe ich zum Café Uno am Leicester Square,
das ich nach einigen Umkreisungen des Platzes endlich finde. Ich will hier einen
Gutschein meiner London Travel Card loswerden. So bekomme ich 1 £ Nachlass.
Trotzdem sind knapp DM 30,– für Spaghetti Bolognese, eine Cola und einen
Kaffee nicht gerade billig.

Anschließend fahre zum Hyde Park, spaziere durch den Park bis Kensington Gardens.
Halb London ist auf Inline-Skates, Rädern, dem Fahrrad oder zu Fuß dort oder
auf dem Serpentine (dem See) unterwegs. Ich komme mir mit dem Gepäck und vor
allem mit dem geschenkten Regenschirm recht komisch vor. Trotz intensiver Suche
finde ich in den Kensington Gardens die Peter-Pan-Statue nicht. Er wohnt
schließlich in Neverland.

Von High Street Kensington fahre ich zurück zum Wynfrid House. Vor der Tür
steht schon ein anderer Gast, der auch hinein will, um seinen Koffer zu holen.
Nach ein paar Minuten wird uns aufgemacht. Mit Koffer geht es nun zur
Aldgate-East-Station. Ich muss eine neue U-Bahn-Karte lösen, da ich die ersten
beiden Zonen verlassen werde, um zum Flughafen zu kommen. In West Ham muss ich
umsteigen, die Koffer hoch schleppen (die Planer seien verflucht), um zum Gleis
der Jubilee Line nach Canning Town zu kommen. Dort besteige ich schließlich den
Shuttle Bus zum London City Airport. Dort klappt alles reibungslos: kaum habe
ich die Tür zur Abflughalle geöffnet, stehe ich schon vor dem
Abfertigungsschalter der Lufthansa und kann einchecken.

Mit Rückenwind landen wir 10 Minuten zu früh in Münster-Osnabrück. Der
Bus soll um 20.55 Uhr abfahren. Ich rechne mit einem normalen Linienbus, doch
tatsächlich fährt zum kurz vor 21.00 Uhr ein Sammeltaxi vor. Elf Leute und Gepäck
(und mein Regenschirm) müssen sich mühselig darein quetschen. Gerade sind wir
mühsam eingestiegen, da kommt eine Flugbegleiterin vorbei: "Kann ich auch
noch mit?". Der Chauffeur guckt genervt, kramt sein Handy heraus und
beginnt zu telefonieren. Offenbar erreicht er niemanden. Dann ruft er einem
Kollegen aus der Taxikolonne zu: "Nimm die mit." Dann fällt ihm ein,
dass seine Wortwahl etwas unglücklich war: "Nimm du die Dame mit."

Auf der Fahrt – ich sitze vorne neben dem Fahrer – muss ich darauf achten,
dass ich mit den Knien nicht dem Fahrer beim Schalten behindere. Ich bin sehr
froh, als wir endlich Münster Hauptbahnhof erreichen. Aber besser schlecht
gefahren, als gut gelaufen.

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London 2001 Samstag, 23.06.2001: A Canterbury Tale

Mein letzter Ausflug führt mich nach Canterbury. Obwohl nur 75 km von London
entfernt, dauert die Zugfahrt doch 1,5 Stunden. Kurz vor 9 Uhr nehme ich den Zug
nach Canterbury, d.h. der Zugfahrplan wurde kurzfristig geändert, jetzt fährt
er 9.05, um halb elf bin ich am Ziel. Ich fühle mich ins Mittelalter
zurückversetzt, in der Stadt mit ihren Straßen, verwinkelten Gassen, und
jahrhundertealten Häusern. Die Stadt gilt als Keimzelle des Christentums in
England, seitdem der Heilige Augustinus (nicht zu verwechseln mit dem
Kirchenvater) hier die Sachsen bekehrte und 597 die erste Bischofswürde von
Canterbury annahm. 1170 wurde Thomas Becket in der Kathedrale ermordet. Er hatte gegen
den König (einem Jugendfreund!) im Sinn der Kirche Partei ergriffen. Der König
– Heinrich II. – hatte darauf in seinem Palast etwas gemurmelt wie "man schaffe
mir den Priester vom Leib". Ein paar Ritter nahmen das wörtlich und
ermordeten
Becket. Schon bald darauf wurde dem Märtyrerblut wundertätige Kraft
zugesprochen und Scharen von Pilgern zogen jahrhundertelang nach Canterbury. Bis
Heinrich VIII. den Schrein zerstören und die Überreste Beckets in den
Fluss werfen ließ. 

Ich trinke Kaffee im ersten Stock eines Cafés. Der
Fußboden ist im Laufe der Jahrhunderte stark nach vorne geneigt, aber offenbar
hält die Statik noch. Der Kaffee ist so dünn, dass er bei uns nicht einmal als
zweiter Aufguss durchgehen würde, aber die Atmosphäre stimmt.

Ich nehme anschließend an der Wiedererzählung der Canterbury von Geoffrey
Chaucer teil. In einem kleinen Museum wird man als "Pilger" durch das
mittelalterliche Canterbury geführt. Puppen erzählen die berühmten
Geschichten, die einst Chaucer aufschrieb. Zum Teil sind die Stories recht derbe. Der
Ton ist sogar auch auf Deutsch. Weiter geht es in Sachen Geschichte: ich sehe
mir Ausgrabungen im Roman Museum an. Unter der Stadt muss noch viel mehr des
römischen Canterbury (oder Durovernum Cantiacorum wie es damals hieß) verborgen sein. An einer Baustelle an der Fußgängerzone
finde ich einen Hinweis, das man einen Blick auf archäologische Ausgrabungen
werfen könne, allerdings sind ein paar Pfund dafür fällig.

Nach einer Mittagspause begebe ich mich zur Kathedrale, dem Zentrum der
anglikanischen Kirche. Um 15.15 Uhr sollen hier Evensong stattfinden. Aber
leider nicht heute, wie ich feststellen muss. Heute – offenbar wegen Proben für
einen musikalischen Gottesdienst – erst um 17.30 Uhr. Also nehme ich mir Zeit,
die Kathedrale noch einmal in Ruhe anzuschauen. Es lohnt sich.

Auch Evensong um 17.30 Uhr ist schön. Die Chortradition der anglikanischen
Kirche ist einmalig. Nach dem Gottesdienst muss ich mich sputen, da ich den Zug
um 18.18 erreichen will. Um 18.17 bin ich am Bahnhof – doch der Zug ist noch
nicht da. Mit gut zehnminütiger Verspätung fahren wir ab und erreichen London
um 20 Uhr.

Für die Führung auf den Spuren von Jack the Ripper ist nun leider keine
Zeit mehr, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Dann halt bei der nächsten
London-Fahrt. In dem Prospekt der London Original Walks finde ich aber eine
interessante Notiz über die Desirée, die mich auf der Diana-Tour bei meinem
letzten London-Aufenthalt
begleitet hat:

"Desirée is drop dead glamourous. A former top fashion model and cult
film actress, her world overlapped with Princess Diana’s."

Stattdessen fahre ich noch einmal zum Tower und spaziere auf der Tower
Bridge. Es wird kühl und ich fahre eine Station weiter nach Aldgate East und
packe den Koffer.

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London 2001 Freitag, 22.06.2001: A Christie Pilgrimage

"I should write you down as a pilgrim. You have the look of one who is
on a pilgrimage". (Agatha Christie: "Nemesis"), Das hätte die
Queen of Crime auch über Norman und mich schreiben können. Um 10 Uhr
treffen wir uns an der U-Bahn-Station Queen’s Park. Wir fahren auf der M 40 Richtung Oxford.

Unsere erste Station ist  Winterbrook,
bei Wallingford, das nicht ganz einfach zu finden ist. Zunächst gelangen wir nach Cholsey, wo
Agatha Christie auf dem Friedhof der Kirche bestattet ist. Wir durchkämen den
alten und den neuen Teil des Friedhofs, finden aber ihr Grab nicht. Wir fragen
eine ältere Dame, die das Grab ihres Mannes pflegt. Sie weist uns auf den
rückwärtigen Teil des Friedhofs, den wir bisher übersehen haben. Und
tatsächlich nach etwas Suchen finden wir die Grabplatte. Auf dem Grabstein
stehen Zeilen von Edmund Spensers "The faerie Queen": Sleepe after toyle, port after stormie seas,
Ease after warre, death after life, does greatly please.

In Janet Morgans Biographie über Agatha Christie lese ich, dass der
Grabsteinen von Freunden gestaltet wurde. Die Steinplatte war so schwer, dass
man einen Kran brauchte, um sie über die Friedhofsmauer zu hieven. Nach dem Friedhofsbesuch machen wir Rast: Norman hat für alles gesorgt: zwei
Klappstühle, Wurstbrötchen, Chips, Wasser, Kaffee, Kuchen … 

Agatha Christie hatte im Dezember 1934 Winterbrook House in Wallingford
gekauft. Da ihr Mann, Max Mallowan, besonders an Oxford hing, suchten er und
Agatha in diesem Teil des Themse-Tals nach einem kleinen Landhaus. "Es war
ein Queen-Anne-Haus, das zwar nahe an der Straße stand – wobei diese damals
noch wesentlich leiser war als heute -, jedoch durch etwas düster wirkende
Pappeln abgeschirmt wurde. Der rückwärtige Teil des Hauses war am schönsten,
denn vom Wohnzimmerfenster aus blickte man auf einen Garten und eine Wiese, die
bis zum Flussufer hinabging. Inmitten eines Feldes, das schon bald Teil des
Rasens wurde, stand eine große Zeder, unter der, wie Agatha sofort entschied,
sie an Sommernachmittagen Tee trinken würden. Tatsächlich stellten Haus und
Garten ein so harmonisches Ganzes dar, dass Agatha und ihre Besucher an schönen
Tagen nach den Mahlzeiten fast immer nach draußen gingen und dabei ihre Tassen
mitnahmen. Winterbrook war mit drei großen Gesellschaftsräumen und drei
Schlafzimmern sehr großzügig angelegt." (Janet Morgan). Während Agatha
ihr Elternhaus Ashfield – und nachher vermutlich auch Greenway House – als ihr
und das ihrer Tochter Rosalind betrachtete, sah sie Winterbrook House mehr als
Max‘ Haus. Als Max Fellow im All Souls‘ College in Oxford wurde, war das Domizil
Winterbrook sehr nahe gelegen. Agatha kümmerte sich mit Leidenschaft um den
Garten. Anfang der 70-er war Winterbrook sehr baufällig geworden. "Viel
Wind und Regen, und irgendwo ist ein Rohr undicht", schrieb sie an eine
Freundin. "Das Licht in der Halle ist durchgebrannt – also müssen wir Montag
ein SOS an den Klempner und den Elektriker aussenden." (zitiert nach
Janet Morgan). Am 12. Januar 1976 verstarb Agatha Christie in Winterbrook. 

Die Dame, die wir auf dem Friedhof getroffen hatten, hatte uns auch den Weg
zum Winterbrook House geschildert. Ihre Beschreibung ist zwar nicht ganz akkurat,
aber wir finden das Haus. Es steht direkt an der A 329. Links davon liegt The Old Court, für Agatha Christie
als Squash court in den 40-ern gebaut. Ein Schild weist darauf hin, das das Old Court zum Verkauf steht. Wir
sehen uns das Haus an und können auch einen Blick auf auf die Rückfront von
Winterbrook House werfen.

Weiter geht es Richtung nach Bladon,bei Woodstock, wo wir auf dem
Kirchenfriedhof Churchills Grab aufsuchen.

Wir beschließen, weiter nach Blenheim Palace zu fahren, der nicht weit
entfernt ist. Wenig später stehen wir auf dem Parkplatz von Blenheim. Ich gehe
in Richtung Palast, Norman schaut sich den Garten an, da er Blenheim bereits
kennt. Am Eingang von Blenheim Palace werden wir Touristen begrüßt und man
gibt uns eine kleine Einführung, dann kann man sich eine kleine Ausstellung
über Winston Churchills Jugend ansehen: seine Briefe an den Vater, Briefe
seiner Lehrerin an den gestrengen Vater (Winston hatte in einer Prüfung nicht so
gut abgeschnitten) und Briefe über den Beginn seiner Karriere beim Militär. Churchills
Eltern lebten nicht in Blenheim Palace, da sein Vater zweiter Sohn war und der ältere Bruder Lord
in Blenheim Palace war. Trotzdem wurde Winston Churchill
zufälligerweise hier geboren. Bald darauf werden wir von einer weiteren
Führerin abgeholt, die uns durch einen Teil des Palastes führt (Fotografieren
leider verboten). Das Schloss entstand 1705 bis 1722
für John Churchill, erster Herzog von Marlborough, unter Leitung des
Architekten John Vanbrugh. Queen Anne hatte dem Herzog das Land und eine hohe
Summe geschenkt als Dank für den Sieg Churchills 1704 in der Schlacht von Blenheim
über die Truppen Ludwig XIV. Eine Kollegin zeigt uns zum Schluss den Rest des Palastes. Am
Ende landen wir in der Bibliothek. Die Bücher sehen alt aus, sind es aber
nicht. 1882 waren die
Bücher aus der Bibliothek verkauft worden, ein späterer Lord kaufte neue
Bücher und ließ ihn einen alten Look geben. Da wir die letzte Gruppe für
heute sind, geleitet uns die Führerin noch heraus.

Draußen fahren viele Fahrzeuge auf. Heute Abend nämlich spielen Armee-Bands auf
– anlässlich der Flower Show, die auf dem Gelände stattfindet – und es gibt
ein Feuerwerk. Zahlreiche ältere Armeeangehörige fahren vor. Jugendliche in
Armeeuniform (Marine und Herr) weisen ihnen Plätze auf dem Parkplatz vor. Wie
Norman mir erklärt, sind sie Kadetten, eine Art Pfadfinder. Wir stellen noch
einmal die Stühle auf und trinken Kaffee. Da stürzt eine Dame auf uns zu: eine
alte Frau irre herum und wisse offensichtlich nicht mehr nach Hause. Ob wir
einen Stuhl ausleihen könnte, damit sie sich setzen könne. Norman schlägt
vor, über Handy die Ambulanz zu rufen. Die hilfsbereite Frau muss zum Konzert,
die Ambulanz kommt bald und wir bekommen den Stuhl zurück.

Wegen besagten Konzerts können wir leider den Garten von Blenheim Palace
nicht weiter besichtigen und so machen wir uns auf die Heimfahrt. Diesmal fahren
wir auf der (vergleichbar
mit unseren Bundesstraßen), die ruhiger und idyllischer ist. Unterwegs machen
wir an einem Pub Halt. Bei Guinness und einem Sandwich, das wir uns teilen
müssen, da es das letzte ist, stärken wir uns, bevor wir weiter nach London
fahren.

Norman fährt mich noch bis zur U-Bahn-Station Bond Street, wo wir Abschied
nehmen. Heute bin ich mal etwas früher zu Hause. Ich lese noch etwas im Führer
über Blenheim Palace, schreibe in meinem Fahrtenbericht und dann lösche ich
das Licht.

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London 2001 Donnerstag, 21.06.2001: Eine unendliche Fahrt auf der Themse (nach Hampton Court) und „The beautiful game“

Wieder fahre ich zum Westminister Pier, diesmal nicht, um auf dem Riesenrad
zu fahren, sondern ein Boot auf der Themse zu besteigen, das mich nach Kew
Gardens und Hampton Court bringen soll. Das Schiff legt um 10.30 Uhr ab.
Gemächlich fahren wir auf der Themse, ein Kommentator erklärt, was rechts und
links vom Ufer zu sehen ist und wie die Brücken heißen, die wir unterqueren.

Nach einer Stunde haben wir circa die Hälfte der Strecke erreicht. Mein
Tagesplan beginnt zu wanken. Zu dumm, dass ich nicht gefragt habe, wann wir in
Hampton Court ankommen. Wenn ich zeitig zum gebuchten Musical "The
beautiful game" um 19.45 Uhr in London zurück sein will, bleibt auf dem
Rückweg nicht mehr viel Zeit für Kew Gardens, die botanischen Gärten der
Stadt. Eine weitere Stunde später erreichen wir die Gärten auch, ein paar
Passagiere steigen aus, ein paar neue steigen zu. Gemächlich geht es weiter,
selbst Ruderboote überholen uns. Noch eine Stunde später – zwischenzeitlich
haben wir eine Schleuse passiert und ich habe meine Pläne für Kew Gardens
aufgegeben – durchfahren wir Richmond. Auch meine Mitreisenden fragen sich, wie
lange die Fahrt wohl noch dauern mag.

Endlich eine halbe Stunde später zeichnet sich Hampton
Court Palace am Horizont ab. Der Palast – in einer Schleife der Themse – gilt
als einer schönsten englischen Königspaläste. Er wurde zwischen 1514 und 1520
als Privatresidenz für den mächtigen Kardinal Wolsey erbaut. Wolsey fiel aber
in Ungnade, weil er den Papst nicht dazu bringen konnte, zur Scheidung Heinrichs
VIII. von Katharina von Aragón zuzustimmen. Er verlor Ämter und Besitz,
Hampton Court Palace behielt Heinrich VIII. und ließ den Palast aufwendig
umbauen. Er war damals einer der modernsten Europas. Erst unter Wilhelm von
Oranien wurde Hampton Court wieder kräftig umbauen, so dass heute nicht mehr
viel aus der Tudor-Zeit zu sehen ist. Die Hannoveraner Könige nutzen den Palast
selten, später bewohnten die Royals ihn gar nicht mehr, 1838 wurde er für
Besucher geöffnet.

Wegen der fortgeschrittenen Zeit bleibt mir nur eine Stunde für die
Besichtigung. Da ich die Gärten während meines dritten Londonaufenthalts
gesehen habe, konzentriere ich mich auf den Palast. Ich gehe durch die Gemächer
des Königs und der Königin, durch die Küchen  aus der Tudor-Zeit
und durch die Räume von Kardinal Wolsey.

Um 16 Uhr nehme ich das Boot zurück. Da wir mit der Strömung fahren, sind
wir bereits um 18 Uhr in London zurück. (Tatsächlich habe ich mir einen
leichten Sonnenbrand auf dem offenen Deck zugezogen). So bleibt tatsächlich
noch Zeit für eine kleine Stärkung, bevor ich mich zum Cambridge Theatre
aufmache.

"The beautiful game"

Das letzte Musical von Andrew Lloyd Webber "Whistle
down the wind
" hatte mir überhaupt nicht gefallen. Die Zusammenarbeit
des konservativen Lords mit dem linken Ben Elton, der den Text zu "The
beautiful game" schrieb, hat mich aber doch neugierig gemacht.

Im Programmheft lese ich, dass Webber ursprünglich Ben Elton zur (meiner
Meinung nach misslungenen) Überarbeitung von Starlight
Express
gewinnen wollte. Elton lehnte ab, schlug aber vor, ein Skript für
ein ganz neues Musical zu schreiben. Lloyd Webber war interessiert, da er bisher
nur Musicals zu bereits existierenden Romanvorlagen produziert hat, und
versprach ihm, ein Video mit einer Dokumentation über einen jungen Mann und
seine irische Fußballmannschaft  zu schicken. Seiner Meinung nach sei das
ein guter Stoff.

Lloyd Webber war sehr überrascht, als schon wenige Tage später das Telefon
klingelte und Ben Elton sich meldete. "Hallo, Kumpel. Gib mir mal deine
Fax-Nummer durch, ich habe ein Exposé fertig." (Keiner von den beiden kann
e-mailen).

Das Musical ist in der Tat schlecht besucht. Ich sitze fast allein in den
oberen Rängen. Ich werde von den freundlichen Platzanweisern nach vorne
gebeten, da auch dort noch reichlich Platz ist. So sitze ich statt auf einem 15
£-Platz auf einem für 25 £.

Das Stück schildert das Schicksal von Jugendlichen, die Anfang der
70er-Jahre in Belfast in einer katholischen Fußball-Jugendmannschaft spielen.
Trainiert werden sie von einem jovialen Pfarrer, der auch einen Protestanten in
die Mannschaft aufnimmt und die Jungen zu Toleranz anhält. Tatsächlich gewinnt
die Mannschaft das Fußballturnier. Doch durch den Druck von außen, driften ein
paar der Jungs zur IRA ab. Der Hauptdarsteller will mit seiner jungen Frau nach
England gehen und dort eine Karriere als Fußballer beginnen. Doch er verhilft
einem seiner Freunde, der sich mittlerweile der IRA angeschlossen hat, zur
Flucht über die Grenze in die Republik. Doch er wird verraten und eingesperrt.
Seine Mitgefangenen überzeugen ihn, in der IRA zu arbeiten. Das Musical
schildert eindrucksvoll, wie eine ganze Generation durch den Konflikt zerrieben
wird, endet aber mit einer Hoffnung. Der Sohn des Hauptdarstellers spielt in
einer neuen Mannschaft des Pfarrers, seine Mutter ermahnt ihn, ein besseres
Spiel zu spielen, als ihre Generation. Von den Musiknummern her kann das Musical
nicht ganz überzeugen, sein sparsames Bühnenbild ist umso wirkungsvoller.
Leider – weil die Briten, wie mir Norman erklärt, inzwischen die Nase voll vom
Nordirlandkonflikt haben und das Stück vielleicht zu ernst für ein Musical ist
– läuft das Stück nicht erfolgreich: Lloyd Webber muss pro Woche 20 000 £
dazubuttern. Aber er kann es sich sicher leisten.

Nachdem ich das Theater verlassen habe, gehe ich zu HMV und gucke mich nach
der CD zu "The beautiful game" um, aber 17 £ sind mir dann doch zu
teuer …

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London 2001 Mittwoch, 20.06.2001: Keine Evensongs heute – Von Platform 10 nach Cambridge und Ely

Heute steht wieder ein Ausflugstag an. Oxford ist zwar schön, aber Cambridge
gefällt mir vom Stadtbild noch besser. So fahre ich morgens von King’s Cross,
Bahnsteig 10 (Platform 9 ¾ entdecke ich leider wieder nicht) nach Cambridge
ab. Die Fahrt dauert nur eine knappe Stunde, dann erreiche ich den Bahnhof von Cambridge,
der etwas außerhalb der Stadt liegt. Das Wetter ist wieder gut, aber leicht
windig. Am Markt setze ich mich in ein italienisches Café.

Ich schlendere zum King’s College, das ich bei meinem letzten Besuch in
Cambridge 1997 bereits von Innen besichtete. Leider ist heute kein Evensong
(Abendgottesdienst). Die Chorknaben haben wohl frei. Schade. Weiter geht’s durch
die Straßen und Colleges der Stadt. Am Ruderclub mache ich Rast. Eine Fahrt mit
einem punching boat (das Boot wird durch Abstoßen vom Grund mit einer langen
Stange bewegt) kostet 10 £. Das ist mir etwas zu teuer, außerdem plane ich
für morgen bereits eine Themsefahrt.

So spaziere ich am Flussufer vorbei an der Rückfront von King’s College in
Richtung Stadt. Von dort aus gehe ich zurück zum Bahnhof und nehme den Zug
weiter in die Kleinstadt Ely, die ich am Spätnachmittag erreiche. Die meisten
Tagestouristen haben die Stadt wieder verlassen. Ich gehe zur Kathedrale – eine
der schönsten in ganz England – und bekomme den Rest eines Schulgottesdienstes
mit. Die Schulkinder – gekleidet in den unterschiedlichsten Schuluniformen –
ziehen singend durch die Kirche. Leider findet auch hier – und das hatte ich
eigentlich gehofft – kein Evensong statt. Da ich auch Ely 1997 ausführlich
besichtigt habe, schlendere ich nur kurz durch die Stadt und fahre zurück nach
London.

Dort fahre ich zum Leicester Square und gehe – obwohl es angesichts des
Preises von £ 10 fast sündhaft ist – ins Kino. Ich habe mir die Bridget
Jones’s Diaries ("Schokolade zum Frühstück") ausgesucht. Der Film
wird bei uns am 23. August 2001 anlaufen. Es ist nette Unterhaltung, auch für
Männer gut anzuschauen. Die Hauptdarstellerin Renée Zellweger spielt die Rolle
der jungen Durchschnittsfrau mit Torschlusspanik überzeugend, Hugh Grant ist
diesmal nicht ganz so nett und Colin Firth ist ein Mann, dessen Qualitäten erst
auf dem zweiten Blick auffallen.

Um 23 Uhr bin ich wieder in meinem Zimmer. Ich rufe kurz bei der
Tickethotline des Musicals "The beautiful game" an, um die
Öffnungszeiten des Ticket Office herauszubekommen, doch man kann tatsächlich
zu dieser Nachtzeit noch Karten bestellen. Eine freundliche Stimme nimmt meinen
Kartenwunsch entgegen. Da ich gehört habe, dass das Stück nicht gar so gut
läuft, bin ich nicht überrascht, dass für morgen eine Karte bekomme. Also
wieder auch morgen volles Programm.

Auch die Queen hatte einen langen Tag: vormittags eröffnete sie in London
das neu gewählte Parlament, nachmittags war sie auf dem Pferderennen in Ascot
bei Windsor. Wie sie das alles unter einen Hut (denn der gehört zum Axot-Rennen
dazu wie die Pferde) bekam, kann man in der Times nachlesen. Außerdem finde dort einen wenig schmeichelhaften Artikel über
Kanzler Schröder: mit dem Rückgang der Konjunktur in Deutschland kämen harte
Zeiten auf ihn zu. Er habe die Illusion verbreitet, ein Modernisierer zu sein,
in Wahrheit seien seine Reformen Stückwerk geblieben, es fehle ihnen der Mut.
Zum Schluss heißt es: "Präsident Bush nennt den Kanzler ‚Mr Shredder‘
[Reißwolf], ein Name der mehr und mehr zuzutreffen scheint."

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London 2001 Montag, 18.06.2001: Auf dem London Eye und nach Oxford

Ich bin schon zeitig am Frühstückstisch, da ich einen "Flug"
auf/mit dem London Eye um 9.30 Uhr gebucht habe und man eine halbe Stunde vor
"Abflug" gegenüber Westminister Pier parat stehen soll. Das continental
Breakfast (Toasts, Marmelade, Dauerwurst und Instant-Coffee) verleiten mich
nicht unbedingt dazu, zu lange am Frühstückstisch zu verweilen. So finde ich mich
pünktlich um 9 Uhr am Riesenrad ein. Ich brauche nicht lange zu warten, schon stehe
ich vor einer der 32 gläsernen Kapsel des London Eyes.

Das British Airways London Eye ist das neue Wahrzeichen der Stadt. Es ist das
größte Riesenrad der Welt (135 Meter hoch) und wurde zum Millennium gebaut.
Das Rad konnte zwar nicht rechtzeitig zum Jahrtausendwechsel in Betrieb genommen werden, ist aber das erfolgreichste Millennium-Projekt in
London (der Dome war finanziell eine Pleite, die Millennium Bridge wartet mit
einer unerwarteten Attraktion auf: sie vibriert, wenn man darüber geht).

Schon um 9.15 Uhr geht es los. Langsam dreht sich die Kapsel mit mir und
einen Duzend anderer Mitfahrer. Während der halbstündigen Fahrt einmal um die Achse,
genieße ich die Aussicht auf die Metropole. Da das Wetter gut ist, hat man eine
gute Sicht. Während der Fahrt heizt sich allerdings auch die Kapsel sehr auf
(eine Klimaanlage gibt es nicht). Es ist aber noch früh am Morgen und somit noch erträglich. Um 9.45 ist die Fahrt schon beendet.

Da ich schon einmal an den Houses of Parliament bin, sehe ich mir im Jewel
Tower eine Ausstellung zur Parlamentsgeschichte an. An Exponaten gibt’s hier
nicht viel zu sehen, aber die Entwicklung ist auf Texttafeln gut dokumentiert.

Ich nehme die U-Bahn nach Paddington, kaufe noch etwas Proviant und setze
mich in den Zug nach Oxford. Unterwegs bekomme ich unfreiwillig die doch recht
interessanten Reiseberichte über den südamerikanischen Urwald, die ein
Mitreisender einer anderen Mitreisenden im Großraumwagen erzählt, mit.
Außerdem lese ich in der Times das Neueste vom Prozess gegen Lord Archer. Nach 75
Minuten Fahrt erreiche ich Oxford. Unerwarteter Weise habe ich – im Gegensatz zu
früheren Jahren – keine Schwierigkeiten bei der Anerkennung meines
BritRail-Passes. 

Ich gehe vom Bahnhof in Richtung Innenstadt und überraschend schnell stehe
im viereckigen Innenhof der Bodleina. Mit dieser Bibliothek ist es ähnlich wie
mit der British Library. Drei Mal war ich bereits in Oxford: einmal – noch zu
Studentenzeit – war mir der Eintritt zu teuer, einmal waren Semesterferien und
einmal war die Bibliothek bereits geschlossen. Doch heute klappt es endlich. Ich
kaufe ein Ticket für die Nachmittagsführung, schaue mir die zahllosen
Souvenirs im Gift Shop an und wenig später geht die Führung auch los: ein
Gentleman im Pensionsalter begrüßt uns. Seine Kleidung ist typisch englisch:
die Farben sein Pullovers, seiner Krawatte und die seines Jacketts harmonieren
nicht unbedingt miteinander.

In der Divinity School (1427 bis 1488 erbaut), erhalten wir eine kurze
Einführung. In diesem Raum hat so mancher Prüfling schon geschwitzt. Bis zum
19. Jahrhundert fanden hier mündliche Prüfungen statt. Als im Jahre 1444 die
Universität unerwartet 279 Handschriften vom Duke Humfrey von Gloucester
geschenkt bekam, entschied man sich, ein zweites Geschoss auf das Gebäude zu
setzen und hier die Bibliothek zu errichten. Ungefähr vierzig Jahre dauerte es,
das Gebäude fertig zustellen.  Nach 1488 verfiel die Duke Humfrey’s
Library zunehmend, da die Universität keine Mittel hatte, die neu auf den Markt
kommenden gedruckten Bücher zu erwerben. 1550 – im Laufe der Reformation –
wurde die Bibliothek ganz aufgelöst. Der Raum blieb leer bis 1599.

Da erhielt der Universitätskanzler einen Brief von einem gewissen Thomas
Bodley. Sir Thomas Bodley war mit einigem Misserfolg als Botschafter seiner
Majestät tätig gewesen, aber, so schrieb er, er verfügte über Beziehungen
und – das war sicher ausschlaggebend – über Geld. Er bot sich an, das Gebäude
auf seine Kosten wiederherzustellen und es mit Büchern auszustatten. Natürlich
nahm der Kanzler das Angebot an und 1602 wurde die Bibliothek wieder eröffnet,
die bald den Namen seines Wohltäters erhielt. Bodley errichtete Anbauten und
angrenzende Gebäude der Universität konnten übernommen werden. Aber das
Bedeutendeste ,was Bodley für die Bibliothek erreichte, war eine Übereinkunft
mit den Buchhändlern (1610), nach der bis heute die Bibliothek ein Freiexemplar
jedes in England veröffentlichten Buches bekommt.

So besitzt die Bodleina (Stand 31.07.2000) 6,75 Millionen Bücher, 178 000
Handschriften und 6 500 Inkunabeln auf 173 Buchkilometern. In den Jahren 1999 –
2000 erwarb sie über 121 000 Monographien (79 000 als
Pflichtexemplare, 34  600 durch Kauf, 7 800 als Tausch oder Geschenk).
Die Bestände dürfen nur in der Bibliothek genutzt werden; selbst als der
König einmal einen Band zur Ausleihe anforderte bekam er ein "Sorry,
no" als Antwort.

Wir gehen durch das Convocation House, wo früher der Senat der Universität
zusammenkam, wo aber auch im Bürgerkrieg das Parlament tagte, auch später
fanden hier zwei Parlamentssitzungen statt. Nun dürfen wir – nachdem wir unsere
Taschen abgegeben haben – in den ersten Stock und einen Blick auf die Duke Humfrey’s
Library werfen. Während der Führungen dürfen die Lesesäle allerdings auch
nicht betreten werfen. Unser Führer weist uns auf die Tafel über den Eingang
hin, auf der die Wohltäter der Bibliothek aufgelistet sind. Für 250 000
Pfund würde auch unser Name in der letzten Spalte auf der Steintafel
erscheinen. Wenn wir den Scheck gleich ausfüllten, würde er uns auch seinen
Kuli leihen, scherzt unser Führer.

Damit ist die Führung auch fast schon zu Ende. Wir hören noch, das George
III. ("The wisest fool in history") gerne die Bibliothek besuchte und
einmal gesagt haben soll, wenn er mal eingesperrt werden sollte, sollte es in
der Bodleian Library sein, dort habe er wenigstens gute Bücher zu lesen. Und
aus Sir Thomas Bodley machte er "Sir Thomas Godley".

Ich bummele noch etwas durch die Straßen und Colleges, bevor ich den Zug
zurück nach London nehme.

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London 2001 Sonntag, 17.06.2001: Digs, Deserts and Discovery: ein Ausflug nach Westcliff-on-Sea

Um 10 Uhr bin ich mit Norman, der auch ein Mitglied der Agatha Christie
Society ist, verabredet. Er holt mich mit seinem Auto an der benachbarten
Station Algate East ab. Wir fahren zu einer Sunday Lecture, einem kleinen
Vortrag, im Rahmen des Agatha Christie Theatre Festivals in Westcliff-on-Sea in
der Grafschaft Essex, eine gute Autostunde von London entfernt.

Das Palace Theatre in Westcliff-on-Sea hat sich für den Sommer viel vorgenommen:
von Mai bis Juni sollen sämtliche Theaterstücke der Queen of Crime hier
aufgeführt werden. Immerhin sind es 23 Stücke, die die Christie in den Jahren
1930 bis 1971 schrieb. Außerdem auf dem Programm: vier Radiohörspiele und ein
Fernsehspiel sowie drei Einakter. In den zwölf Festspielwochen treten 25
Schauspieler auf, zusätzlich reist die Besetzung der "Mausefalle" aus
London an und führt das Stück in Westcliff-on-Sea auf. Die
"Mausefalle" hat im nächsten Jahr ein rundes Jubiläum: 50 Jahre läuft das Stück
ununterbrochen seit seiner Uraufführung in London:
Weltrekord.

Unterwegs hören wir eine Cassette mit einer Radiosendung zum 40. Jubiläum
der "Mausefalle", die Norman aufgenommen hat. Wir machen Rast
unterwegs in einem Pub und stärken uns mit einem Guinness und gutem Essen. Eine
halbe Stunde nach der Abfahrt vom Pub erreichen wir das Seebad Westcliff-on-Sea.
Wir fahren zum Pier, der der längste der Welt sein soll (mit ca. 1,5 Meilen).
Am Pier befindet sich ein für ein englisches Seebad typischer Freizeitpark für
Kinder.

Wir verschieben den Gang über den Pier für das nächste Mal und fahren
weiter zum Theater. Dort treffen wir Susan und Mark, auch Mitglieder der Agatha
Christie Society. Auch sie wollen sich den Vortrag anhören, der innerhalb des
Rahmenprogramms des Festivals gehalten wird.

Henrietta McCall, Kuratorin am Britischen Museum in London, ist nach
Westcliff-on-Sea gekommen, um über Agatha Christies Leben an der Seite ihres
Mannes, des Archäologen Max Mallowan, zu berichten. Zurzeit ist sie verantwortlich
für die Ausstellung "Agatha
Christie und der Orient
", die bereits in Essen lief und im November in
London zu sehen sein soll. Außerdem hat sie eine Biographie über Max Mallowan
geschrieben, die in Kürze veröffentlicht wird. Von ihr stammt auch eine
Kurzbiographie über Max Mallowan im Essener
Ausstellungskatalog
. Nach dem interessanten einstündigen Vortrag,
angereichert mit ein paar Dias, verlassen wir das Theater. Schade, dass es keine
Gelegenheit für Fragen gab.

Wir fahren zu Norman und essen dort "Fish and Chips", die wir
unterwegs gekauft haben. Anschließend sehen wir einen alten Christie-Film von
1937: "Love from a stranger". Wir stellen überrascht fest, das Joan
Hickson (die beste Miss- Marple-Darstellerin aller Zeiten) bereits mitspielte.

Norman begleitet mich noch zur U-Bahn-Station Queen’s Park, von der ich zurück
nach Aldgate East fahre. Beladen mit 15 Ausgaben des Agatha
Christie Chronicle
, die Norman freundlicherweise für mich kopiert hat.

Die Fotos zur Reise finden Sie in meiner Gallery

London 2001: Samstag, 16.06.2001: Trooping the colour

Heute feiert die Queen ihren offiziellen Geburtstag. Schon am 21. April wurde
sie 75, doch traditionell feiert sie im Juni offiziell Geburtstag, weil im Juni
für gewöhnlich das Wetter besser ist. In diesem Jahr allerdings, war das Wetter wohl
an ihrem eigentlichen Geburtstag besser.

Zunächst fahre ich zur Victoria Station und tausche meinen Gutschein gegen
eine Wochenkarte für die U-Bahn und Busse (Travel Card) ein. Dann fahre ich zum Green Park.
Als ich die Treppe am Ausgang Ritz-Hotel hochgehe, tönt es mir schon von einem
freundlichen Polizisten entgegen: "Zur Königin hier lang". Am Eingang
zum Green Park werden die Besucher mit "Good morning" von einem
weiteren Polizeibeamten begrüßt. Ein paar Minuten später stehe ich an der
Mall, die den Buckingham Palace mit der Innenstadt verbindet. Am anderen Ende
der Mall sind die Horse Guards untergebracht. Auf dem Paradeplatz hinter den
Horse Guards findet Trooping the colour statt.

Trooping the colour wird von ausgebildeten Soldaten im Dienst der Household
Division (Infanterie und Kavallerie)  durchgeführt und von Mitgliedern der
Königlichen Familie und Ehrengästen verfolgt. Die Zeremonie hat ihre Wurzeln
darin, dass die Farben der Bataillonen an den Soldaten vorbeigetragen (trooped)
wurden, so dass sie sie sahen und später wieder erkannten. Die Königin wird während
der Zeremonie mit Royal Salut begrüßt.

Soldaten mit Bärenfellmützen marschieren auf und postieren sich entlang der
Mall, deren Laternenmasten oben eine Krone tragen und mit Union Jacks beflaggt
sind. Über ihren roten Jacken tragen die Soldaten wegen des feuchten Wetters
einen Regenumhang aus grauem Wollstoff. Nachdem sie ihre Position eingenommen
haben, ertönen unverständliche Kommandos, die Soldaten nehmen Haltung ein oder
salutieren. Nach einer Weile legen sie auf Kommando ihren Regenumhang ab. Den
schönen Wollstoff legen sie dabei recht achtlos hinter sich. Das scheint auch
die Polizisten zu stören, die hinter ihnen stehen, und die Jacken auffalten. Da
taucht ein Rotrock mit Zirkel in der Hand auf. Er misst den Abstand der Soldaten
ab, die meisten stehen um wenige Zentimeter zu  weit nach links oder
rechts. Auf Kommando rückt der Soldat sofort auf die "korrekte"
Position.

Nun reiten bzw. marschieren Soldaten mit roten Jacken von Buckingham Palace
die Mall herunter bis zum Horse Guards Parade-Platz herunter. Auch
Dudelsackbläser sind dabei. Plötzlich erschallt wieder ein Kommandoruf. Die
Soldaten entlang der Mall nehmen Haltung ein. Drei dunkle Limousinen fahren
Richtung Buckingham Palace. In einer sitzt die Queen Mother in einem Kleid aus
grünen Pastellton. Nun taucht der Zirkel wieder auf. Offenbar sind die Soldaten
durch das Salutieren wieder ein paar Zentimeter von einander abgerückt. Das
muss natürlich korrigiert werden. Kurze Zeit später wird die Haltung des
Rotrocks vor mir von einem Vorgesetzten gerügt: er tippt ihm mit einem Stock
auf den Rücken und sagt "Brust raus". Der Zirkel kommt zum dritten
Mal vorbei. Er bleibt mit dem Instrument vor dem Soldaten stehen. Aber diesmal
hat er an der Position nichts auszusetzen. Stattdessen zupft er sich
umständlich seine weißen Handschuhe zurecht. Hinter mir hat sich ein deutsches
Paar eingefunden, das offenbar nicht so recht weiß, worum es geht. "Wirft
die auch Kamellen?", meint sie.

Inzwischen ist es es viertel vor elf. Die Nationalhymne erklingt am
Buckhingham Palace. Trooping the colour beginnt. Reiter und Infanterie
marschieren auf. Als erste der Royals fährt die Queen Mum in einer offenen
Kutsche vorbei und winkt freundlich in die Menge. Dahinter folgt die Königin,
sie sitzt mit ernstem Gesicht allein in einer Kutsche und trägt einen
transparenten Regenschirm. Hinter ihr – hoch zu Ross – ihre Tochter Prinzessin
Anne. Prinzgemahl Philip (gerade 80 geworden) und Prince Charles entdecke ich
nicht. Hinter mir ertönen leise "Helau-Rufe".

Dann ist für die Zuschauer an der Mall erst einmal alles vorbei. Die
Königin nimmt auf dem Paradeplatz der Horse Guards die Parade ab, die eine
Stunde dauern wird. Anschließend fährt sie zurück in den Buckingham Palace.
Ganz unermüdliche Zuschauer bleiben an der Mall stehen und warten darauf, dass
Queen & Co. noch einmal vorbeikommen. Ich gehe die Mall in Richtung
Whitehall. Als ich an der Absperrung zum Horse Guards Parade vorbeikomme, bricht
ein Platzregen aus. Ich rette mich in einen Hauseingang. Die Soldaten, die auf
dem Platz exerzieren, sind wahrlich nicht zu beneiden.

Ich schaue mich nun am British Airways London Eye um. Das Riesenrad ist das
einzig erfolgreiche Millennium-Projekt. Eine Riesenschlange wartet
darauf, eine der Kapseln am Rad besteigen zu dürfen. Ich beschließe, später
noch einmal wieder zu kommen.

The British Library

Mit der British Library und mir war es bislang wie mit den Königskindern,
die nicht zueinander finden konnten. In meinen London-Besuchen in den 90-ern
stand ich ständig vor dem Bauzaun, wo ein Schild verkündete, "die
Bibliothek wird erst in zwei Jahren eröffnet." Als ich im Sommer
1999
für einen Tag in London war, und das Gebäude endlich in Betrieb war, hatte ich
leider für eine Besichtigung keine Zeit. Drei
Monate später
war die Bibliothek leider zwischen Weihnachten und Neujahr
geschlossen.

Meinem Baedeker hatte ich entnommen, dass samstags um 15 Uhr Führungen durch
die Bibliothek stattfinden (Dauer: 1 Stunde, Preis 5 £). So finde ich mich um
diese Zeit an der Information der Bibliothek ein.

Die British Library wurde 1973 gegründet. Der Präsenzbestand der British
Libarary – hevorgegangen aus den Beständen der Bibliothek des
Britischen Museums (gegründet 1753), der National Reference Library of Science
and Invention und des Office of Scientific and Technical Information des Department of Education and Science, der Bibliothek der Library Association und
der British National Bibliography – sollte in London zusammengefasst werden. Der
Ausleihbestand umfasst die Lending Division der British Library und ist in
Boston Spa angesiedelt worden, dieser Bestand geht aus der National Central Library
und der National Lending Library for Science
and Technology (gegründet 1962) hervor. Ein neues Gebäude für die Londoner
Bibliotheksbestände, die vor allem aus dem Britischen Museum verlegt werden
sollten, wurde bereits in den 80er-Jahren geplant. Man entschied sich, die Bibliothek am St. Pancras-Bahnhof
zu bauen, die 1999 schließlich von der Queen eröffnet wurde. Diese und andere
Fakten erzählt uns der Führer auf der einstündigen Tour. Leider ist er etwas
schwer zu verstehen und redet sehr schnell. Nur das "Thank you" am
Ende jeder seiner Ausführungen ist deutlich zu vernehmen.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Bibliothek sind die geistes- und
naturwissenschaftlichen Bestände zusammengeführt. Die British Library am St.
Pancras ist reine Präsenzbibliothek, kein Buch wird herausgegeben. Die Leser
bestellen die Bücher in den Lesesaal, von denen es elf gibt (je nach Fachgebiet,
bzw. es gibt Lesesäle für Karten, Frühdrucke und dergleichen). Die Reise vom
unterirdischen Magazin bis zum Lesesaal dauert bis zu 70 Minuten,
durchschnittlich aber 40. Die Buchversandanlage ist computergesteuert; wird ein
Stau festgestellt, werden die Bücherkästen auf andere Wege umgeleitet. Wir
dürfen einen Blick in eine Verteilerstation werfen. Leider können wir die
Lesesäle nicht besichtigen, da sich Leser wegen der Störungen durch die
Führungen beschwert haben. Ursprünglich war eine Galerie geplant, von der
Besucher einen Blick auf die Säle hätten werfen können, die aber aus
Kostengründen nicht realisiert wurde. Wer die Bibliothek benutzen möchte, muss
entweder Forscher sein oder sein wissenschaftliches Anliegen gut begründen,
bevor er zur Benutzung zugelassen wird.

Im Kern der Bibliothek – über alle sechs Geschosse – befindet sich die King’s
Library von König George III, eine der ältesten Sammlungen der Bibliothek, die
1823 von King George IV der Nation vermacht wurde. Sie besteht aus ca. 65 000
Bänden, 20 000 Flugschriften und mehr als 400 Manuskripten. Ursprünglich
sollte nach den Plänen für die Bibliothek an dieser Stelle der Kartenkatalog
stehen, aber die fleißigen Bibliothekare der British Library (ca. 1 000
arbeiten in diesem Gebäude) haben bereits den Gesamtbestand elektronisch
erfasst, so dass der Kartenkatalog obsolet wurde und der Platz besser genutzt
werden kann. Eine Dame, die mit auf unserem Rundgang ist, versteht etwas miss.
Sie glaubt, dass alle Bücher digitalisiert worden sind. Das ist natürlich
(noch?) nicht der Fall. Aber der Benutzer kann bereits heute über Internet ermitteln, ob die
British Library das gewünschte Buch besitzt und es per E-Mail, telefonisch oder
schriftlich in den Lesesaal bestellen. Es ist geplant, auch aus dem Katalog
über Internet das Buch in den Lesesaal zu ordern. Direkt zum Leser oder in eine
andere Bibliothek wird das Buch aber nie verschickt. Das Document Supply Center in
Boston Spa, das wie eingangs gesagt, auch zur British Library gehört, verschickt
dagegen Kopien in alle Welt.

Die zwölf Millionen Bände in der British Library an St. Pancras verteilen
sich auf 300 km Regalfläche  in den am tiefsten gelegenen
Magazingeschossen in London auf 100 000 km². Leider können
wir das Magazin aus Sicherheitsgründen nicht betreten.

Bisher konnte nur die erste Phase des Neubaus der British Library
verwirklicht werden. Für die 2. und 3. Ausbau-Phasen fehlt noch das Geld, da
schon die erste Phase weitaus teurer war, als man geplant hatte. Mit 500
Millionen Pfund war die British Library das teuerste öffentliche Gebäude im
Vereinigten Königreich, wenn man vom Millennium Dome absieht, der 800 Millionen
Pfund kostete. Immerhin konnte die Bibliothek mit ihren Einnahmen aus dem
Document Supply Centre in Boston Spa einen Beitrag zum Neubau dazusteuern. Ein
Ausbau ist aber dringend erforderlich, da die Magazinkapazitäten bald
erschöpft sein werden.

Auch die British Library macht sich um die Zukunft Gedanken und hat ein
Strategiekonzept entwickelt, das sie mit ihren Benutzern in einer Diskussion
über Internet oder auch mit einem gedruckten Fragebogen weiterentwickeln will
("New strategic directions – help shape our future").

Die Bibliothek verfügt über zwei Cafés und ein Restaurant, das leider
schon geschlossen ist. Der Kaffee im Coffeeshop schmeckt für englische
Verhältnisse aber recht gut.

Auf der Suche nach Gleis 9 ¾

Da ich mich am Bahnhof St. Pancras befinde, komme ich auf die Idee, mich auf
der gegenüberliegenden King’s Cross Station nach dem Gleis 9 ¾ umzusehen, von
dem Harry Potter nach Hogwarts fährt. In der Haupthalle geht’s nur bis Gleis 8.
Ein Gang führt zur kleinen Nebenhalle, in der sich die Gleise 9 bis 11
befinden. Also durch den Gang in die Halle; ich stoße unterwegs nur auf Muggles. Ich finde wohl ein Gleis 9 a und ein Gleis 9 b und natürlich die
Gleise 10 und 11, aber leider kein Gleis 9 ¾, nicht einmal die Barriere
zwischen den Gleisen 9 und 10. So wird es wohl nichts mit der Fahrt nach
Hogwarts. Schade!

Ich fahre wieder zum Westminster Pier, um, wenn die Gelegenheit besteht, in das London Eye 
zu steigen. Doch für heute
sind alle "Flüge" vergeben. So buche ich einen "Flug",
first thing on Monday morning (9.30 Uhr).

Die Fotos zur Reise finden Sie in meiner Gallery

London 2001: Freitag, 15.06.2001: Anreise

Der Flug nach London (zum ersten Mal über das Internet gebucht) verläuft,
wie man es sich besser nicht wünschen kann. Fast pünktlich heben wir vom
Flughafen Münster-Osnabrück (seit meinem letzten Besuch schon wieder
erweitert) ab. Ich habe eine Reihe für mich: meine Nachbarin hatte sich
weggesetzt, als ich Anstalten machte, meinen Platz einzunehmen. Offenbar hat das
aber nichts mit mir zu tun: sie verweigert anschließend jede Nahrungsaufnahme,
trotz wiederholter Angebote der freundlichen Flugbegleiterinnen.
Glücklicherweise verfügt sie aber über Reserven. Ich hingegen, nehme das
kleine Frühstück gerne an und lange beim Kaffee zwei Mal zu, wer weiß, wann
es wieder so guten Kaffee in England geben wird.

Wir landen mit geringfügiger Verspätung in London City. Ich bin zum ersten
Mal in diesem Flughafen in den Londoner Docklands. Zuvor hatte ich mich auf der Website
des Flughafens erkundigt, wie man in die Londoner Innenstadt kommt. So fahre ich
mit einem grünen Shuttlebus zur nächst gelegenen U-Bahn-Station Canning Town.
Der Ticketschalter ist geschlossen (um 11 Uhr morgens), die Fahrkartenautomaten
sind defekt. Ein Mitarbeiter von London Transport fordert uns mit harschen Ton
auf, am Ankunftsbahnhof zu zahlen. Nicht nur in Deutschland gibt es
Servicewüsten. Ich fahre bis zur nächsten Station West Ham und erwerbe dort
eine Tageskarte. Weiter geht es auf der District Line bis Aldgate East.

Von dort sind es nur wenige Meter bis zu meiner Unterkunft im Wynfrid House in der Mulberry Street. Mrs. Greaves, die die German Catholic Mission fest im
Griff hat, weiß sofort wer ich bin. "Sie sind sicher der Herr
Kirsch." Mein Zimmer kann ich schon beziehen. Im Haus hat sich seit meinem
letzten Aufenthalt vor vier Jahren so gut wie nichts verändert. Es ist wie immer voll
besetzt.

Gegen Mittag fahre ich in die Oxford Street und gehe etwas shoppen. Nicht nur
wegen des hohen Pfund-Kurses sind die Preise gesalzen. Ich erstehe eine DVD der
ersten Staffel von "The Tripods" ("Die dreibeinigen
Herrscher"), einer Science-Fiction-Serie aus den Achtziger Jahren, die
leider nicht mehr im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde.

Ich schaue mir noch die eleganten Geschäfte in der Regents Street an und
lande am Piccadilly Circus. Anschließend fahre ich noch zum Sloane Square und
schaue mir die eleganten Häuser in der Sloane Street (mit Privatpark) an.

Hochzeit von Edward und Sophie

Bei Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen waren Tausende von „Hochzeitstouristen“ in Windsor auf den Beinen um bei der letzten königlichen Trauung des Jahrtausends dabei zu sein. Einige hatten die Nacht im Schlafsack verbracht, um einen möglichst guten Platz zu ergattern. Gegen Samstagnachmittag zog sich allerdings der Himmel zu. Der erste Gast war der Erzbischof von Canterbury, Dr. George Carey. Die Queen, die normalerweise als letzte erscheint, traf bereits vor den Eltern der Braut ein. Der Bräutigam und seine beiden Brüder spazierten von Windsor Castle zur Kapelle, wo sie 15 Minuten zu früh eintrafen. Sie schlugen die Zeit im Souvenirladen der Kirche tot. Die Braut selbst kam drei Minuten zu spät.

In einem einfachen Traugottesdienst von nur 45 Minuten wurden Edward und Sophie getraut. Der Gottesdienst begann um 17 Uhr. Anwesend auch Prinzessin Margaret, die immer noch an ihren Verbrennung nach einem zu heißen Bad litt. Sie saß bleich in einem Rollstuhl und konnte während der Feier nicht aufstehen, während ihre 98-jährige Mutter sich bei der Nationalhymne erhob. Auf dem Höhepunkt der Zeremonie hatte Edward Schwierigkeiten, seiner Braut den Ring auf den Finger zu streifen. Sophie dagegen steckte den Ring ihrem Mann mühelos an den kleinen Finger seiner linken Hand. Auch Charles und Andrew trugen bei der Hochzeit ihren Ehering am kleinen Finger. Nach dem Gottesdienst fuhr das Paar in einer Kutsche durch Windor. Die zahlreichen Fotografen warteten vergeblich auf den Hochzeitskuss.

Circa 200 Millionen Menschen sahen das Ereignis am Fernsehschirm. im Gegensatz zu bisherigen königlichen Hochzeiten musste die übertragende BBC diesmal für die Rechte zahlen. Prince Edward verfügte, dass das Geld an einen wohltätigen Zweck geht. Die Bilder wurde von der BBC an 31 Länder verkauft.

Facts

Ort der Hochzeit: St. George Kapelle in Windsor Castle aus dem 16. Jahrhundert, eines der schönsten spätgotischen Bauwerke Großbritannien. Normalerweise finden königliche Hochzeiten in der Westminster Abbey statt. Charles und Diana heirateten in der St. Paul’s Cathedral in London. Die St. George Kapelle ist mehr eine Familienkapelle. Hier wurde zum Beispiel Prince William getauft und konfimiert. Hier haben zahlreiche Monarchen ihre letzte Ruhestätte gefunden. Die Kapelle ist darüberhinaus Sitz des Hosenbandordens.

Gäste: 6000 Schaulustige wurden in den Hof von Windsor Castle zugelassen. Einige Plätze blieben aber unbesetzt. Die Schwarzhändler gingen von £ 350 auf £ 100 für Karten heruten. Unter 550 geladenen Ehrengästen waren hauptsächlich Freunde und Verwandte des Paares, aber auch Prominente wie John Travolta, John Cleese und Andrew Lloyd Webber. Premierminister Tony Blair wünschte vom G-8-Gipfel in Köln aus einen „wundervollen Tag“. Sarah Ferguson wurde erst gar nicht eingeladen. „Ich wäre gerne gegangen“, wurde „Fergie“ von der britischen Nachrichtenagentur PA zitiert. Sie freue sich aber für ihre beiden Töchter Beatrice und Eugenie, die im Gegensatz zu ihr eine Einladung bekommen hatten. Andrew war sogar Trauzeuge zusammen mit seinem Bruder Charles. Fergie ist bei Hofe nicht wohlgelitten, Prince Philip hatte sie noch vor kurzem als „seltsam“ bezeichnet. Auf Kritistieß, dass auch die adeligen Gäste beim Buffet anstehen müssen. Das sei für Fürsten „viel zu unterschichtmäßig“. Zum Essen spielte eine Band der Marine HIts von den Village People, Tom Jones und anderen. Edward sprach den Toast auf „unsere Gastgeberin und die vielleicht wundervollste Mutter der Welt“ aus. Wie es hieß, ging es bei der Party sehr familiär zu. Die Gäste vermischten sich und die Königin und Prinz William und Harry verbrachten die meiste Zeit damit, herumzugehen und mit den Gästen zu plaudern.

Kleidung: Die verschleierte Braut trug ein langes, handgefärbtes Seidenkleid mit V-Ausschnit und hochgeschlitzem Rock. Sophie musste in letzter Minute ihre Schuhe zurückgehen lassen, nachdem sie festgestellt hatte, dass die pfirsichfarbenen Pumps nicht zum Kleid passten. Edward konnte als erster Königssohn seit Jahrhunderten keine Uniform zur Vermählung anlegen: Er hatte seine Offizierslaufbahn nach nur 14 Wochen abgebrochen.

Ringe: Die 22karätigen Trauringe wurden aus walisischem Gold gefertigt, gefördert in der Prince Edward-Mine.

Geschenke: Prinz Edward hat mit einer überlangen Wunschliste Kopfschütteln verursacht. Der Prinz, der eigentlich schon alles haben dürfte, wünschte sich zu seiner Hochzeit unter anderem eine Stereoanlage und einen Fernseher. Dabei hat er gleich die Marke und den fünfstelligen (!) Preis dazugeschrieben, um sicherzustellen, dass er nur das Beste bekommt. Das billigste Präsent auf der Liste ist eine Kaffeetasse für 255 Mark, für ein besonderes Milchkännchen dageben, muss man schon 30 000 Mark aufbringen, selbst ein Teesieb hat seinen Preis: 18 000 Mark. Die Angestellten des Königshofes, die selten mehr als 21 000 Mark im Jahr verdienen, sollten zusammen 30 000 Mark aufbringen. Per Rundschreiben wurde ihnen ihr jeweiliger Anteil mitgeteilt. Doch zusammengekommen sind nur einige hundert Pfund.

Gehorsam: Sophies Entscheidung, ihrem Ehemann auch Gehorsam zu versprechen, hat die Öffentlichkeit überrascht. Der gesamte Gottesdienst war eher traditionell ausgelegt.

Titel: Am Morgen der Hochzeit ernannte die Queen das Hochzeitspaar zum Graf und zur Gräfin von Wessex sowie zum Viscount bzw. Countess Severn. Nach dem Tode von Prinz Philip werden sie auch den Titel Herzog und Herzogin von Edinburgh erhalten. Die Entscheidung ist ein Kompromiss zwischen Tradionalisten und Modernisten, die die königlichen Titel begrenzen wollen. Edward selbst ist trotz seiner sonst modernen Einstellung zur Monarchie sehr an Titeln interessiert. Der letzte Träger des Titels Earl of Wessex war ein Kommandant im Krimkrieg. Wie später bekannt wurde kam Prince Edward auf die Idee, sich Earl of Wessex zu nenen, durch den Film „Shakespeare in love“. In dem Film ist die fiktve Figur des Earl of Wessex Konkurrent des Dichterkönigs William Shakespeare in der Gunst der schönen Viola (Oscar-Preisträgerin Gwyneth Palthrow). Der Film dürfte Edward gut gefallen haben, weil ihn Geschichte und Theater schon immer interessiert haben.

Kurze Flitterwochen: Da die Brautleute beruflich so eingespannt sind, blieben ihnen nur eine Flitterwoche in Balmoral Castle in Schottland. Inzwischen sind sie wieder an der Arbeit.

Williams falsches Lachen: Wie Hoffotograf Sir Geoffrey Shakerley enthüllte, wurde das offizielle Hochzeitsfoto von Prinz Edward und Sophie abgeändert, weil Prinz William nicht freundlich genug guckte. Mit Digital-Technik sei ein anderes Foto Williams in das Hochzeitsbild eingefügt worden. Der Bräutigam habe die Anweisung dazu gegeben. Robert Simpson, der Assisten Shakerleys, erkärte, Prinz William sei am Samstag zwar guter Stimmung gewesen, habe im Moment der Aufnahme aber gerade weggeguckt. Die britische Presse druckte am Dienstag nach der Hochzeit das Original und die Abänderung des Fotos.

Ihre Meinung!

In einem am Hochzeitstag ausgestrahlten Fernsehinterview versicherte Edward auf die Frage nach den Motiven für seine Hochzeit: „Zufällig lieben wir uns, und das ist das Allerwichtigste.“ Charles dagegen hatte bei seiner Hochzeit mit Diana auf die Frage, ob er sie liebe, geantwortet: „Was immer Liebe bedeuten mag“.

Bei den Londoner Buchmachern standen die Wetten am Samstag fünf zu eins dafür, dass Edward und Sophie mindesten 20 Jahre verheiratet bleiben.

In meiner ersten Meinungsumfrage hatten Sie die Möglichkeit, Ihren Tip abzugeben: Wird diese Ehe halten oder nicht? Es wurden 101 Stimmen abgegeben. 81, also 80 % meinten, dass die Ehe halten wird, 20 (20 %) waren nicht dieser Meinung. Interessanterweise waren in den ersten Tagen nach der Hochzeit die Optimisten in noch größerer Überzahl. Wollen wir hoffen, dass sie recht behalten!