London 2001: Samstag, 16.06.2001: Trooping the colour

Heute feiert die Queen ihren offiziellen Geburtstag. Schon am 21. April wurdesie 75, doch traditionell feiert sie im Juni offiziell Geburtstag, weil im Junifür gewöhnlich das Wetter besser ist. In diesem Jahr allerdings, war das Wetter wohlan ihrem eigentlichen Geburtstag besser.
Zunächst fahre ich zur Victoria Station und tausche meinen Gutschein gegeneine Wochenkarte für die U-Bahn und Busse (Travel Card) ein. Dann fahre ich zum Green Park.Als ich die Treppe am Ausgang Ritz-Hotel hochgehe, tönt es mir schon von einemfreundlichen Polizisten entgegen: "Zur Königin hier lang". Am Eingangzum Green Park werden die Besucher mit "Good morning" von einemweiteren Polizeibeamten begrüßt. Ein paar Minuten später stehe ich an derMall, die den Buckingham Palace mit der Innenstadt verbindet. Am anderen Endeder Mall sind die Horse Guards untergebracht. Auf dem Paradeplatz hinter denHorse Guards findet Trooping the colour statt.
Trooping the colour wird von ausgebildeten Soldaten im Dienst der Household Division (Infanterie und Kavallerie)  durchgeführt und von Mitgliedern der Königlichen Familie und Ehrengästen verfolgt. Die Zeremonie hat ihre Wurzeln darin, dass die Farben der Bataillonen an den Soldaten vorbeigetragen (trooped) wurden, so dass sie sie sahen und später wieder erkannten. Die Königin wird während der Zeremonie mit Royal Salut begrüßt.
Soldaten mit Bärenfellmützen marschieren auf und postieren sich entlang der Mall, deren Laternenmasten oben eine Krone tragen und mit Union Jacks beflaggt sind. Über ihren roten Jacken tragen die Soldaten wegen des feuchten Wetters einen Regenumhang aus grauem Wollstoff. Nachdem sie ihre Position eingenommen haben, ertönen unverständliche Kommandos, die Soldaten nehmen Haltung ein oder salutieren. Nach einer Weile legen sie auf Kommando ihren Regenumhang ab. Den schönen Wollstoff legen sie dabei recht achtlos hinter sich. Das scheint auch die Polizisten zu stören, die hinter ihnen stehen, und die Jacken auffalten. Da taucht ein Rotrock mit Zirkel in der Hand auf. Er misst den Abstand der Soldaten ab, die meisten stehen um wenige Zentimeter zu  weit nach links oder rechts. Auf Kommando rückt der Soldat sofort auf die "korrekte" Position.
Nun reiten bzw. marschieren Soldaten mit roten Jacken von Buckingham Palacedie Mall herunter bis zum Horse Guards Parade-Platz herunter. AuchDudelsackbläser sind dabei. Plötzlich erschallt wieder ein Kommandoruf. DieSoldaten entlang der Mall nehmen Haltung ein. Drei dunkle Limousinen fahrenRichtung Buckingham Palace. In einer sitzt die Queen Mother in einem Kleid ausgrünen Pastellton. Nun taucht der Zirkel wieder auf. Offenbar sind die Soldatendurch das Salutieren wieder ein paar Zentimeter von einander abgerückt. Dasmuss natürlich korrigiert werden. Kurze Zeit später wird die Haltung desRotrocks vor mir von einem Vorgesetzten gerügt: er tippt ihm mit einem Stockauf den Rücken und sagt "Brust raus". Der Zirkel kommt zum drittenMal vorbei. Er bleibt mit dem Instrument vor dem Soldaten stehen. Aber diesmalhat er an der Position nichts auszusetzen. Stattdessen zupft er sichumständlich seine weißen Handschuhe zurecht. Hinter mir hat sich ein deutschesPaar eingefunden, das offenbar nicht so recht weiß, worum es geht. "Wirftdie auch Kamellen?", meint sie.
Inzwischen ist es es viertel vor elf. Die Nationalhymne erklingt am Buckhingham Palace. Trooping the colour beginnt. Reiter und Infanterie marschieren auf. Als erste der Royals fährt die Queen Mum in einer offenen Kutsche vorbei und winkt freundlich in die Menge. Dahinter folgt die Königin, sie sitzt mit ernstem Gesicht allein in einer Kutsche und trägt einen transparenten Regenschirm. Hinter ihr – hoch zu Ross – ihre Tochter Prinzessin Anne. Prinzgemahl Philip (gerade 80 geworden) und Prince Charles entdecke ich nicht. Hinter mir ertönen leise "Helau-Rufe".
Dann ist für die Zuschauer an der Mall erst einmal alles vorbei. DieKönigin nimmt auf dem Paradeplatz der Horse Guards die Parade ab, die eineStunde dauern wird. Anschließend fährt sie zurück in den Buckingham Palace.Ganz unermüdliche Zuschauer bleiben an der Mall stehen und warten darauf, dassQueen & Co. noch einmal vorbeikommen. Ich gehe die Mall in RichtungWhitehall. Als ich an der Absperrung zum Horse Guards Parade vorbeikomme, brichtein Platzregen aus. Ich rette mich in einen Hauseingang. Die Soldaten, die aufdem Platz exerzieren, sind wahrlich nicht zu beneiden.
Ich schaue mich nun am British Airways London Eye um. Das Riesenrad ist das einzig erfolgreiche Millennium-Projekt. Eine Riesenschlange wartet darauf, eine der Kapseln am Rad besteigen zu dürfen. Ich beschließe, später noch einmal wieder zu kommen.

The British Library

Mit der British Library und mir war es bislang wie mit den Königskindern, die nicht zueinander finden konnten. In meinen London-Besuchen in den 90-ern stand ich ständig vor dem Bauzaun, wo ein Schild verkündete, "die Bibliothek wird erst in zwei Jahren eröffnet." Als ich im Sommer 1999 für einen Tag in London war, und das Gebäude endlich in Betrieb war, hatte ich leider für eine Besichtigung keine Zeit. Drei Monate später war die Bibliothek leider zwischen Weihnachten und Neujahr geschlossen.
Meinem Baedeker hatte ich entnommen, dass samstags um 15 Uhr Führungen durch die Bibliothek stattfinden (Dauer: 1 Stunde, Preis 5 £). So finde ich mich um diese Zeit an der Information der Bibliothek ein.
Die British Library wurde 1973 gegründet. Der Präsenzbestand der British Libarary – hevorgegangen aus den Beständen der Bibliothek des Britischen Museums (gegründet 1753), der National Reference Library of Science and Invention und des Office of Scientific and Technical Information des Department of Education and Science, der Bibliothek der Library Association und der British National Bibliography – sollte in London zusammengefasst werden. Der Ausleihbestand umfasst die Lending Division der British Library und ist in Boston Spa angesiedelt worden, dieser Bestand geht aus der National Central Library und der National Lending Library for Science and Technology (gegründet 1962) hervor. Ein neues Gebäude für die Londoner Bibliotheksbestände, die vor allem aus dem Britischen Museum verlegt werden sollten, wurde bereits in den 80er-Jahren geplant. Man entschied sich, die Bibliothek am St. Pancras-Bahnhof zu bauen, die 1999 schließlich von der Queen eröffnet wurde. Diese und andere Fakten erzählt uns der Führer auf der einstündigen Tour. Leider ist er etwas schwer zu verstehen und redet sehr schnell. Nur das "Thank you" am Ende jeder seiner Ausführungen ist deutlich zu vernehmen.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Bibliothek sind die geistes- undnaturwissenschaftlichen Bestände zusammengeführt. Die British Library am St.Pancras ist reine Präsenzbibliothek, kein Buch wird herausgegeben. Die Leserbestellen die Bücher in den Lesesaal, von denen es elf gibt (je nach Fachgebiet,bzw. es gibt Lesesäle für Karten, Frühdrucke und dergleichen). Die Reise vomunterirdischen Magazin bis zum Lesesaal dauert bis zu 70 Minuten,durchschnittlich aber 40. Die Buchversandanlage ist computergesteuert; wird einStau festgestellt, werden die Bücherkästen auf andere Wege umgeleitet. Wirdürfen einen Blick in eine Verteilerstation werfen. Leider können wir dieLesesäle nicht besichtigen, da sich Leser wegen der Störungen durch dieFührungen beschwert haben. Ursprünglich war eine Galerie geplant, von derBesucher einen Blick auf die Säle hätten werfen können, die aber ausKostengründen nicht realisiert wurde. Wer die Bibliothek benutzen möchte, mussentweder Forscher sein oder sein wissenschaftliches Anliegen gut begründen,bevor er zur Benutzung zugelassen wird.
Im Kern der Bibliothek – über alle sechs Geschosse – befindet sich die King’s Library von König George III, eine der ältesten Sammlungen der Bibliothek, die 1823 von King George IV der Nation vermacht wurde. Sie besteht aus ca. 65 000 Bänden, 20 000 Flugschriften und mehr als 400 Manuskripten. Ursprünglich sollte nach den Plänen für die Bibliothek an dieser Stelle der Kartenkatalog stehen, aber die fleißigen Bibliothekare der British Library (ca. 1 000 arbeiten in diesem Gebäude) haben bereits den Gesamtbestand elektronisch erfasst, so dass der Kartenkatalog obsolet wurde und der Platz besser genutzt werden kann. Eine Dame, die mit auf unserem Rundgang ist, versteht etwas miss. Sie glaubt, dass alle Bücher digitalisiert worden sind. Das ist natürlich (noch?) nicht der Fall. Aber der Benutzer kann bereits heute über Internet ermitteln, ob die British Library das gewünschte Buch besitzt und es per E-Mail, telefonisch oder schriftlich in den Lesesaal bestellen. Es ist geplant, auch aus dem Katalog über Internet das Buch in den Lesesaal zu ordern. Direkt zum Leser oder in eine andere Bibliothek wird das Buch aber nie verschickt. Das Document Supply Center in Boston Spa, das wie eingangs gesagt, auch zur British Library gehört, verschickt dagegen Kopien in alle Welt.
Die zwölf Millionen Bände in der British Library an St. Pancras verteilen sich auf 300 km Regalfläche  in den am tiefsten gelegenen Magazingeschossen in London auf 100 000 km². Leider können wir das Magazin aus Sicherheitsgründen nicht betreten.
Bisher konnte nur die erste Phase des Neubaus der British Library verwirklicht werden. Für die 2. und 3. Ausbau-Phasen fehlt noch das Geld, da schon die erste Phase weitaus teurer war, als man geplant hatte. Mit 500 Millionen Pfund war die British Library das teuerste öffentliche Gebäude im Vereinigten Königreich, wenn man vom Millennium Dome absieht, der 800 Millionen Pfund kostete. Immerhin konnte die Bibliothek mit ihren Einnahmen aus dem Document Supply Centre in Boston Spa einen Beitrag zum Neubau dazusteuern. Ein Ausbau ist aber dringend erforderlich, da die Magazinkapazitäten bald erschöpft sein werden.
Auch die British Library macht sich um die Zukunft Gedanken und hat ein Strategiekonzept entwickelt, das sie mit ihren Benutzern in einer Diskussion über Internet oder auch mit einem gedruckten Fragebogen weiterentwickeln will ("New strategic directions – help shape our future").
Die Bibliothek verfügt über zwei Cafés und ein Restaurant, das leider schon geschlossen ist. Der Kaffee im Coffeeshop schmeckt für englische Verhältnisse aber recht gut.

Auf der Suche nach Gleis 9 ¾

Da ich mich am Bahnhof St. Pancras befinde, komme ich auf die Idee, mich auf der gegenüberliegenden King’s Cross Station nach dem Gleis 9 ¾ umzusehen, von dem Harry Potter nach Hogwarts fährt. In der Haupthalle geht’s nur bis Gleis 8. Ein Gang führt zur kleinen Nebenhalle, in der sich die Gleise 9 bis 11 befinden. Also durch den Gang in die Halle; ich stoße unterwegs nur auf Muggles. Ich finde wohl ein Gleis 9 a und ein Gleis 9 b und natürlich die Gleise 10 und 11, aber leider kein Gleis 9 ¾, nicht einmal die Barriere zwischen den Gleisen 9 und 10. So wird es wohl nichts mit der Fahrt nach Hogwarts. Schade!
Ich fahre wieder zum Westminster Pier, um, wenn die Gelegenheit besteht, in das London Eye zu steigen. Doch für heutesind alle "Flüge" vergeben. So buche ich einen "Flug",first thing on Monday morning (9.30 Uhr).
Die Fotos zur Reise finden Sie in meinem Fotoalbum

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